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Sind Naturalismus und Skeptizismus kompatibel?

Kerberos

Mit dem Artikel "Esoterik durch die Hintertür" [8] glossiert Timm Grams einige aus seiner Sicht problematische Entwicklungen in der GWUP. Pointiert schildert der Autor zunächst eine Gretchenszene, in der ein atheistischer "Torwächter" an Neumitgliedern Inquisition praktiziert und dabei - so Timm Grams - kein Hehl aus seiner weltanschaulichen Intoleranz gegenüber Agnostikern macht.

Anklage

Reichhaltige Formulierungseinfälle verhelfen der Grams'schen Kritik im weiteren Verlauf zu effektvollen Spitzlichtern:

Durch selbstimmunisierendes Ausschließen von Selbstzweifeln herrsche in der GWUP eine esoterische Denkweise in Kombination mit einer selbstvergewissernden Bestätigungssucht. Illusionäres Denken aufdecken zu wollen, wie es dort kürzlich vorgeschlagen wurde, könne - so Timm Grams - nur als unverstellte Anmaßung einer irrgläubischen Weltanschauung aufgefasst werden. Als vorgeblich ewige Wahrheit und Offenbarung werde in der GWUP schließlich ein esoterisch-theologischer Naturalismus verkündet, der jedoch nichts anderes als ein mit Zirkelschlüssen und Selbstwidersprüchen gespicktes Glaubenssystem darstelle.

Das ergibt eine breit gefächerte Anklageliste. Überzeugen die Argumente des Autors oder sind sie sogar durch Fakten unterstützt?

Täter?

Folgende Delinquenten müssten nach Timm Grams der ungerechtfertigten Verkündung absoluter Wahrheiten angeklagt werden: Mario Bunge, Martin Mahner und Gerhard Vollmer.

Kronzeuge

Die mehr als 225 Jahre alten Schriften von Immanuel Kant sollen uns den rechten Weg weisen. Kants "Gedanken", so Timm Grams, "sind von außerordentlicher Klarheit". Kant "lokalisierte die Möglichkeiten des Erkennens in der Vernunft und nicht etwa" in der "Realität". Seit den starken Worten Kants sei jegliche Suche nach den Prinzipien der Realität von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Smoking gun

Als Corpus Delicti identifiziert Timm Grams eine Formulierung, in der versucht wird, Parawissenschaft zu definieren als "ein außerhalb der Wissenschaften angesiedelter Erkenntnisbereich, dessen Theorie und Praxis weitgehend auf illusionärem Denken beruhen". Die einzig mögliche Alternative zum weitgehend illusionären Denken, die sich Timm Grams vorstellen kann, ist eine "absolut und ewig gültige Erkenntnis", die sich die Delinquenten angeblich selbst zuschrieben.

Aber hoppla, beschäftigt sich Timm Grams nicht selbst mit "Denkfallen" [6]? Wenn der Autor nun - m.E. sehr schön - Denkfallen herausarbeitet, behauptet er damit nicht implizit, diese auch erkannt zu haben, womit er sich selbst eine fortgeschrittenere Erkenntnisfähigkeit zuschreibt als den Menschen, die in diese Denkfallen unwissend hineintappen? Ist diese "Attitüde" nicht auch "unbegründet – eine unverstellte Anmaßung", wie Timm Grams schreibt? Sieht das prima facie nicht nach einem performativen Selbstwiderspruch aus?

Symphonie des Grauens?

Folgende Elemente der Grams'schen Mängelliste halte ich für wesentlich:

  • Es herrsche Dogmatismus, da absolute Wahrheiten verkündet würden.
  • Der Phänomenalismus Kants weise uns jedoch den Weg.
  • Realismus und Naturalismus seien mit einem (gemäßigten) Skeptizismus inkompatibel, selbstimmunisierend, selbstwidersprüchlich und zirkulär.
  • Das Konzept "Illusion" ergebe nur im Rahmen einer naturalistischen Ontologie Sinn und könne daher bei der Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft keine Rolle spielen.

Diese Aussagen lassen sich alle zurückweisen.

Dogmatismus?

Behaupten die mutmaßlichen Delinquenten nun wirklich, im Besitz der "absolut und ewig gültigen Erkenntnis" zu sein? Machen wir den Faktencheck und lassen sie selbst zu Wort kommen:

Mario Bunge [3,S.5]:

"... metaphysical statements cannot be any less fallible than scientific (e.g. physical) statements."

Mario Bunge [4,S.93]:

"Methodical skepticism, or fallibilism [...] is the thesis that, although we can get to know something, such knowledge may be imperfect (neither complete nor entirely true), and is therefore susceptible to criticism and improvement. Fallibilism is a component of critical realism, i.e. the epistemology according to which we can represent and understand reality, though not exactly as it is. [...] Fallibilism is not enough: it must be supplemented with another sobering element, namely a dose of agnosticism, i.e. the thesis that there are unknowns and unknowables. Examples: If the speed of light is indeed the ultimate speed, then we shall never know what is happening at the same time in a distant place; if the big bang hypothesis is true, then we shall never know what went on in the universe before that hypothesized initial explosion occurred [...] Note the conditional form of our wagers: if A (is true), then we won't be able to know or do B. Such conditionalization is a protection against dogmatism. We do not wish to repeat Comte's and Spencer's mistake of drawing long lists of ignorabilia that turned out to be subjects of inquiry and even entire scientific fields, such as atomic physics and astrophysics."

Mario Bunge & Martin Mahner [5,S.212]:

"Fallibilismus (methodischer Skeptizismus): das erkenntnistheoretische Zugeständnis, dass wir uns irren können, welches uns dazu anhält, nach Fehlern zu suchen oder nach Möglichkeiten, unsere Erkenntnis zu verbessern. Der Fallibilismus darf aber nicht mit der radikal skeptischen Auffassung verwechselt werden, wonach all unser Wissen falsch sein könnte oder wonach es überhaupt keine Erkenntnis gibt."

Gerhard Vollmer [17,S.102]:

"Skeptiker, welche die Erreichbarkeit sicheren Wissens bezweifelten, und Agnostiker, die solches Wissen für unmöglich hielten, hatte es zwar immer gegeben; sie blieben jedoch eher eine Minderheit. [...] Aber die Skeptiker [...] wurden sogar immer mehr. Ein Weg nach dem anderen erwies sich als fragwürdig, als brüchig, als unzuverlässig. Heute wissen wir, daß die Skeptiker, jedenfalls im Hinblick auf die Existenz sicheren Wissens, letztlich doch recht hatten: Absolutes, perfektes, sicheres Wissen über die Welt gibt es nicht. Jeder Versuch zum Aufweis solchen Wissens, zur Letztbegründung, zur endgültigen Sicherung, zur Erlangung eines archimedischen Punktes für Erkenntnis, endet in einem infiniten Regreß, in einem logischen Zirkel oder mit einem dogmatischen Abbruch an einem selbstgewählten Punkt. Diese dreifache Sackgasse hat Hans Albert sehr treffend Münchhausen-Trilemma genannt. [...] Daß alle Versuche zur Letztbegründung in einer Sackgasse enden, daß also das Münchhausen-Trilemma unausweichlich ist, kann man nicht beweisen; das würde der grundsätzlichen Fehlbarkeit unseres Wissens, auch unseres Wissens in der Erkenntnistheorie, ja gerade widersprechen. Man kann aber feststellen, daß bisher keiner der vorgeschlagenen Wege zum Ziel geführt hat. Auch diese enttäuschende Erfahrung aus zweieinhalb Jahrtausenden ist zwar kein Beweis, aber doch ein wirksames Argument. Offenbarungen haben ihre absolute Glaubwürdigkeit längst verloren."

Das klingt alles überhaupt nicht nach einer Selbstattributierung mit "absolut und ewig gültiger Erkenntnis". Damit stellt sich die Frage, woher Timm Grams denn seine Informationen her hat?

Kant, Bescheidenheit und synthetisches Apriori

Kant gilt Timm Grams offenbar als Kronzeuge, da er bekanntlich in den Prolegomena schrieb: "Es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen."

Das klingt nach Bescheidenheit, womit man Kant jedoch kaum gerecht wird. Kant in der Kritik der reinen Vernunft [10,S.331]:

"Ich behaupte nun, daß die Transscendentalphilosophie unter allem speculativen Erkenntniß dieses Eigenthümliche habe: daß gar keine Frage, welche einen der reinen Vernunft gegebenen Gegenstand betrifft, für eben dieselbe menschliche Vernunft unauflöslich sei, und daß kein Vorschützen einer unvermeidlichen Unwissenheit und unergründlichen Tiefe der Aufgabe von der Verbindlichkeit frei sprechen könne, sie gründlich und vollständig zu beantworten"

Kants Fundamentalskepsis hinsichtlich der Möglichkeit, irgend etwas über reale Objekte lernen zu können, hatte nämlich den Zweck, im Gegenzug in anderen Bereichen absolute Erkenntnis zu erlangen.

Hans Albert [1,S.16f]:

"Einer der einflußreichsten Philosophen der Neuzeit, nämlich Immanuel Kant, hat mit seiner 'kopernikanischen Wende' zum transzendentalen Idealismus den kritischen Realismus der klassischen Tradition zurückgewiesen. Auch wenn man den kritischen Realismus akzeptiert, ist aber die Kantsche Fragestellung interessant, weil sie mit der früher schon erwähnten Frage zusammenhängt, wie man erklären kann, daß unter Umständen wahre Aussagen — also: zutreffende Darstellungen von Sachverhalten erreichbar sind. Die von Kant ins Auge gefaßte Frage ist nämlich die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis. Bei dieser Frage geht Kant davon aus, daß die synthetischen Urteile a priori, um die es da vor allem geht, 'mit unstreitiger Gewißheit wirklich gegeben sind', nämlich in den Urteilen der Mathematik und den Prinzipien der Naturwissenschaften. Daher sei nicht zu fragen, ob, sondern wie sie möglich seien."

Hans Albert stellt diese apodiktischen Gewissheiten in Frage [1,S.18]:

"Verzichtet man aber auf die Illusion einer Wahrheitsgarantie und auf die Eindeutigkeit des transzendentalen Verfahrens, dann kann man die Kantsche Lösung als einen Versuch auffassen, das Phänomen der wissenschaftlichen Erkenntnis durch den Rekurs auf die Beschaffenheit des menschlichen Erkenntnisvermögens zu erklären. Die dabei verwendeten Aussagen hätten dann den Charakter erklärender Hypothesen. [...] An der Wendung zum transzendentalen Idealismus muß man meines Erachtens drei Ideen unterscheiden: (1) die Idee, daß die Struktur des menschlichen Erkenntnisvermögens zentrale Bedeutung für die Erkenntnis hat, (2) die Idee, daß das Erkenntnissubjekt zu dieser Struktur einen unmittelbaren Zugang hat, so daß ihm deren Gesetzmäßigkeiten mit apodiktischer Gewißheit einsichtig zu machen sind, und (3) die Idee, daß das Erkenntnisvermögen konstitutiv ist für die Gegenstände der Erkenntnis, so daß die Welt der Erscheinungen, 'die empirische Realität', dadurch konstituiert wird. Während sich die beiden letzten Gedanken als fragwürdig erwiesen haben, öffnet der erste eine fruchtbare Forschungsperspektive"

In der vordarwinistischen kantschen Theorie war das menschliche Erkenntnisvermögen noch ein unerklärtes Faktum brutum. Erst die evolutionäre Erkenntnistheorie lieferte Erklärungsansätze.

Auch Gerhard Vollmer beschäftigt sich mit den kantschen Gewissheiten [15,S.193]

"Wenn es nun tatsächlich synthetische Urteile a priori gäbe, dann wäre Kants Position vielleicht die einzig annehmbare. Sollte uns jemand perfektes faktisches Wissen vorstellen und fragen, wie solches möglich sei, so bliebe uns vermutlich nichts anderes übrig, als auf Kants Lösung zurückzugreifen. Gegenüber der Frage, die Kant sich selbst gestellt hat, müßten wir den Ausweg, den er uns gezeigt hat, wohl dankbar akzeptieren. Bis zum heutigen Tage hat jedoch niemand ein einziges Exemplar synthetischer Urteile a priori geliefert. Obwohl sie logisch möglich sind, scheinen solche Urteile nicht zu existieren. Auch Newtons Theorie, von Kant für absolut wahr gehalten, erwies sich als fehlbar und sogar als falsch. Sogar Einstein hat seine eigenen Theorien als vorläufig und verbesserungsbedürftig bezeichnet (da sie noch keine Quantenphänomene enthalten). Dasselbe gilt für alle anderen Theorien faktischer Wissenschaft. Darüber hinaus mußten wir lernen, daß alles menschliche Wissen hypothetisch ist. Weder die Kategorien noch die Prinzipien des Verstandes sind notwendig (im Sinne notwendiger Geltung). Synthetische Urteile a priori im Sinne Kants gibt es nicht. Das Problem, das er zu lösen versuchte, existiert also überhaupt nicht. Im Rückblick hat es sich als Scheinproblem erwiesen."

Ähnlich der kritische Rationalist Musgrave [11,S.227]:

"Ein abschließender Gedanke ist der, daß Kant wie Descartes zuviel bewiesen hat. Etwas muß im Kantschen System irgendwo falsch sein. Denn [...] das Gesetz der Erhaltung der Materie, das Kant für eine synthetisch-apriorische Wahrheit hielt, wurde in der Physik eliminiert. Dasselbe gilt für die Newtonschen Gesetze."

Im oben zitierten Artikel listet Vollmer [15,S.211f] neun apriorische kantsche Prinzipien auf, die sich sämtlich als falsch herausgestellt haben. Die Texte Kants mögen für einige Rezipienten zwar "außerordentlich klar" sein. Das nützt aber wenig, wenn das kantsche Verfahren statt apodiktisch wahrer schlicht falsche Ergebnisse produziert. Somit hat sich Kants transzendentale Methode offenbar nicht bewährt, was ihn als Kronzeugen eher desavouiert.

Die griechischen Skeptiker, die leugneten, dass wir irgend etwas Sicheres über die Welt wissen können, nannten ihre Gegner Dogmatiker. Kant reagiert zwar auf den Hume'schen Skeptizismus, indem er den erkenntnistheoretischen Realismus aufgibt, hält aber an der Möglichkeit apodiktischer Gewissheiten fest. Daher hätten ihn die griechischen Skeptiker wohl in die Kategorie der Dogmatiker einsortiert.

Sind Skeptizismus und Realismus zwingend Gegensätze?

Hans Albert sieht keinen Gegensatz [1,S.16ff]:

"Der kritische Rationalismus enthält darüber hinaus den kritischen Realismus und [...] involviert zwei Thesen: (1) die ontologische These, daß es eine vom menschlichen Denken unabhängige strukturierte Wirklichkeit gibt, und (2) die epistemologische These, daß diese Wirklichkeit zumindest bis zu einem gewissen Grade für uns erkennbar ist. Das sind ebenfalls metaphysische Hypothesen, die nicht selbstverständlich sind, aber sowohl im Alltagsleben als auch in der wissenschaftlichen Forschung meist anerkannt werden."

Auch der kritische Rationalist Alan Musgrave schlägt dieses Konzept vor und nennt es "fallibilistischen Realismus" [11,S.281]:

"Wir haben die skeptische Kritik am Empirismus und am Rationalismus untersucht. [...] Ich möchte nun eine dritte positive Lösung unseres Problems vorlegen und diskutieren. Sie enthält eine große Dosis Skeptizismus. Sie enthält, da sie eine 'positive' Lösung ist, auch Bestandteile des Rationalismus wie des Empirismus. [...] Im Anfangsteil dieses Buches sind wir einer Wahrnehmungstheorie begegnet, die später 'naiver oder direkter Realismus' genannt wurde: Wir nehmen die äußeren Objekte direkt oder unmittelbar und so wahr, wie sie wirklich sind. Skeptische und wissenschaftliche Argumente [...] haben diese Auffassung ruiniert. Die Empiristen ersetzten sie daher durch den Ideismus oder die Sinnesdaten-Theorie: Wir nehmen Ideen oder Sinnesdaten direkt oder unmittelbar und so wahr, wie sie wirklich sind. Diese Theorie bewahrte die Unfehlbarkeit der empirischen Basis des Wissens. Aber sie tat das, wie wir gesehen haben, zu einem sehr hohen Preis: Das Problem von Erscheinung und Realität wurde intensiviert. Mehr als das: der Ideismus war eine Grundprämisse in Berkeleys 'Hauptargument' für seinen Idealismus oder Immaterialismus, und er war ebenfalls eine Grundprämisse in Humes Argument für die Irrationalität unseres 'natürlichen Glaubens' an die eindeutige und dauerhafte Existenz äußerer Objekte. Wenn man die eigentümlichen Schwierigkeiten und Lehren in Betracht zieht, zu denen der Ideismus führt, dann ist es natürlich zu fragen, ob eine dritte Auffassung der Wahrnehmung möglich ist. Und es ist vollkommen klar, welche diese dritte Auffassung sein sollte. Wir könnten sie 'kritischen indirekten Realismus' nennen: Wir nehmen äußere Objekte indirekt oder 'vermittelt' wahr und nicht notwendig so, wie sie wirklich sind. Während der naive Realismus und der Ideismus beide die Unfehlbarkeit und die 'Direktheit' der Wahrnehmung aufrechterhalten — der Ideismus verabschiedet den Realismus, um das zu tun —, tut das der kritische Realismus nicht: Seine Wahrnehmungsberichte oder 'Beobachtungsaussagen' sind fehlbar. Aber der Realismus des naiven Realismus bleibt erhalten: Ein Wahrnehmungsbericht bleibt ein Bericht über äußere Objekte oder die Außenwelt."

Ähnliches lässt sich auch bei Vollmer ("hypothetischer Realismus") finden. Damit ist prima facie nicht einsichtig, warum es einen notwendigen Gegensatz zwischen (gemäßigtem) Skeptizismus und Realismus geben sollte.

Radikaler Konstruktivismus, Instrumentalismus, Antirealismus?

Timm Grams zitiert einen Ausspruch des Konstruktivisten Gerhard Roth: "Entweder man ist Realist und sagt, die Welt ist zumindest partiell erkennbar, oder man sagt, alles ist hypothetisch, dann ist man Konstruktivist." Diese Aussage vergröbert die Konzepte holzschnittartig. Sie ignoriert, dass es verschiedene Realismen oder Konstruktivismen gibt und dass ein gemäßigter Konstruktivismus ohne weiteres mit einem kritischen Realismus kompatibel ist.

Der radikale Konstruktivismus ist nach Hans Jürgen Wendel allerdings mit einigen unbehebbaren Mängeln behaftet [19,S.211ff]: So hat er ein Selbstanwendungsproblem. Um Widersprüche zu vermeiden, muß er nämlich annehmen, dass auch seine eigenen Voraussetzungen nur beliebige Konstruktionen ohne realistisch darstellenden Charakter sind. Damit entfällt aber auch jeder Grund ihn zu akzeptieren. Wenn der radikale Konstruktivismus hingegen einige nichtrelative metaphysische Thesen zulässt, wird er selbstwidersprüchlich, denn über die Realität lässt sich ja nach Voraussetzung überhaupt nichts aussagen.

Ein anderes Problem besteht darin, dass der radikale Konstruktivismus eine subjektive instrumentalistische Wahrheitstheorie enthält. Von seinem Standpunkt aus sind nämlich verschiedene Überzeugungen dann gleichwertig, wenn sie sich als gleichermaßen brauchbar erweisen. Die Brauchbarkeit ist jedoch subjektabhängig. So ist z.B. für Personen, die von astrologischen Charakteranalysen leben, die Überzeugung "brauchbar", dass Astrologie funktioniert, während Personen, die Astrologie mittels kontrollierter Doppelblindstudien getestet haben, wohl der gegenteiligen Auffassung sind. Im radikal konstruktivistischen Paradigma ist es nun unentscheidbar, wer recht hat. Es gilt der "Binnenkonsens", verschiedene Menschen leben in getrennten konstruierten Welten, zwischen denen keine Vermittlung möglich ist. Damit ist etwa die Aussage "Astrologie ermöglicht Charakteranalysen" zugleich wahr und nicht wahr, was zur Folge hat, dass sich das logische Gesetz des Widerspruchs (S und Nicht-S können nicht beide wahr sein) nicht mehr anwenden lässt. Wegen dieser Beliebigkeit entsteht ein logischer Kollaps, der gültige deduktive Schlüsse verhindert, da bekanntlich aus widersprüchlichen Annahmen alles folgen kann.

Nach Musgrave ergibt sich noch ein weiteres Problem [11,S.258]: "nehmen wir an, A und B müssen einen Konsens erreichen, weil sie entweder aufgrund von S oder aufgrund von Nicht-S handeln müssen. Da eine rationale Diskussion ausgeschlossen wurde, bleibt Zwang die einzige Option: Entweder A zwingt B, aufgrund von S zu handeln, oder B zwingt A, aufgrund von Nicht-S zu handeln. Kurz, der Wahrheitsrelativismus ermutigt den Gebrauch von Gewalt, um einen Konsens im Handeln — wenn schon nicht im Glauben — zu erreichen."

Für die Arbeit der GWUP ist der Wahrheitsrelativismus daher inkompatibel, denn er entwertet die Aussagekraft experimenteller Ergebnisse weitgehend. Für den Antirealisten bleibt es auch ein Rätsel, warum sich paranormale Ereignisse bei strenger experimenteller Kontrolle einfach nicht zeigen, obwohl sich das Konzept der paranormalen Phänomene doch so problemlos "konstruieren" lässt. Der hypothetische Realist hat immerhin eine (vorläufige) Erklärung: Es gibt diese Anomalien offenbar nicht.

Ist der Naturalismus selbstimmunisierend?

Es sei hier angenommen, dass Timm Grams tatsächlich den Naturalismus (supranatürliche Entitäten greifen nicht ins Weltgeschehen ein, die physikalischen Symmetrieprinzipien gelten ohne Ausnahme) im Sinne hat und nicht den Realismus (die Welt ist teilweise erkennbar). Der Autor versteht Selbstimmunisierung als eine Petitio principii, also in den Postulaten das anzunehmen, was eigentlich erst gezeigt werden soll. Es wird jedoch gar nicht behauptet, dass sich die Arbeitshypothesen des Naturalismus beweisen lassen. Sie lassen sich aber kritisieren und mit konkurrierenden Denksystemen vergleichen. Nehmen wir die vollmersche Arbeitshypothese "Es gibt keine außersinnliche Wahrnehmung" [18,S.37].

Diese Hypothese ist zwar wie alle anderen Postulate nicht beweisbar, aber doch prinzipiell kritisierbar. Wenn es also eines Tages gelänge, Gespräche per Gedankenübertragung ohne Austausch von Energie zu führen, wäre zumindest der Naturalismus nach Vollmer Geschichte. Diese Aussage ist somit nicht selbstimmunisierend, wie Timm Grams nahelegen will. Das Phänomen einer funktionierenden energielosen Gedankenübertragung würde zusätzlich auch die ontologische Deutung von Verursachung als Wechselwirkung zwischen Objekten durch Energie- oder Impulsübertragung [5,S.95ff][16,S.39ff] erschüttern. Somit ist auch dieses allgemeinere metaphysische Prinzip nicht selbstimmunisierend.

Üblicherweise versteht man Selbstimmunisierung aber als das Konzept, eine Aussage so zu formulieren, dass sie mit beliebigen Fakten übereinstimmt. So ist etwa die Aussage, "es gibt gelegentlich Wunder, sie sind aber nicht erkennbar", in diesem Sinne selbstimmunisierend.

Dass es bei der naturgesetzlichen Ordnung der Natur keine Ausnahmen gibt, ist eine gut kritisierbare Arbeitshypothese der GWUP. Nach paranormalen Effekten wird dennoch weiter gesucht, etwa bei den Würzburger Psi-Tests, bislang aber ohne Ergebnis [9].

Selbstwiderspruch?

Timm Grams [8]:

"Wenn Martin Mahner und Gerhard Vollmer von einer zumindest partiell erkennbaren Realität sprechen und den Wahrheitsbegriff benutzen, der die Nähe unseres Wissens zu dieser Realität angibt, dann können diese Postulate gar nicht Hypothesen im wissenschaftlichen Sinn sein: Die Postulate bilden ja die Messlatte der Wahrheitsnähe von Theorien. Sie selbst zum Gegenstand der Widerlegungsversuche zu machen, läuft auf einen unlösbaren Selbstwiderspruch hinaus."

Dieser Textabschnitt enthält folgende Aussagen:

  1. Nach Vollmer und Mahner sei Realität partiell erkennbar.
  2. Um die Nähe unseres Wissens zu dieser Realität anzugeben, würden Vollmer und Mahner den Wahrheitsbegriff benutzen.
  3. Die Aussagen 1&2 könnten aber keine Hypothesen im wissenschaftlichen Sinne sein, da sie ja die Messlatte der Wahrheitsnähe von Theorien bildeten.
  4. Daher sei es selbstwidersprüchlich, die Postulate 1&2 widerlegen zu wollen.

1. ist ein Postulat der evolutionären Erkenntnistheorie. Der Biologe George Gaylord Simpson formulierte es so [14]: "Der Affe, der keine realistische Wahrnehmung von dem Ast hatte, nach dem er sprang, war bald ein toter Affe - und gehört daher nicht zu unseren Urahnen." Dass sich eine gute räumliche Orientierungsfähigkeit als Überlebensvorteil allmählich evolutionär entwickelte, ist immerhin bedeutend erklärungsmächtiger als die vom Himmel fallende, räumlich subjektive Anschauungsform nach Kant. Aussage 1 ist aber keine "Messlatte", sondern lediglich eine Arbeitshypothese, d.h. ein Postulat.

2. Es ließ sich in der Wissenschaft bislang kaum vermeiden, Aussagen auch als falsch bezeichnen zu können. Der Wahrheitsbegriff selbst ist jedoch keine "Messlatte", sondern er gestattet es nur, verschiedene Aussagen hinsichtlich ihrer formalen oder empirischen Adäquatheit (vorläufig) zu bewerten. Es sei noch bemerkt, dass es neben dem binären Wahrheitsbegriff für qualitative Aussagen auch noch den Begriff der partiellen oder graduellen Wahrheit gibt, der bei quantitativen Aussagen über die Welt besser geeignet ist [2,S.81ff]. Ganz generell ist es hier wichtig, Wahrheitsdefinition (Begriff) und Wahrheitskriterium auseinander zu halten. Um logische Widersprüche zu vermeiden, muss der Wahrheitsbegriff objektiv verstanden werden [19]. Um jedoch eine konkrete Aussage über die Welt hinsichtlich ihrer Wahrheit zu bewerten, stehen uns höchstens fehlbare Symptome zur Verfügung (etwa Testerfolg oder -misserfolg, Streuung von Messergebnissen, Vereinbarkeit mit gut bestätigten Theorien etc.). Unfehlbare Kriterien kennen wir hingegen nicht.

3. Wer nun behauptet haben soll, dass 1&2 (einzel)wissenschaftliche Hypothesen seien und zusammen die "Messlatte der Wahrheitsnähe von Theorien" bildeten, bleibt Geheimnis des Autors. Es handelt sich vielmehr um metaphysische, epistemologische und semantische Behauptungen. Die Postulate einer Theorie können gar nicht als "Messlatte" dienen, sondern man braucht schon externe Messlatten. Außerdem dient der Wahrheitsbegriff keineswegs als Wahrheitskriterium.

4. Die Behauptung des Selbstwiderspruchs bleibt unverständlich. Zum einen liegt deshalb kein Selbstwiderspruch vor, weil die Widerlegung auf einer höheren Ebene indirekt stattfinden kann. Wenn etwa Wissenschaft mit ihren Prinzipien nicht funktionieren würde, dann wären auch ihre Prinzipien widerlegt. Zum anderen, warum sollten wir denn nicht Roboter bauen können, mit Hilfe derer wir zumindest einige unserer Wahrnehmungsleistungen prüfen können? So lässt der Absatz den Leser ratlos zurück.

Ein typisches Selbstwiderspruchsargument

In der Literatur wurde allerdings tatsächlich der Vorwurf erhoben, der hypothetische Realismus widerlege sich selbst. Das folgende Argument findet sich bei Vollmer [15,S.251]:

Die Hauptthesen des hypothetischen Realismus, einer bescheidenen Form des kritischen Realismus sind: "Alles Wissen ist hypothetisch; es ist Vermutungswissen, fehlbar, vorläufig. Es gibt eine reale Welt, unabhängig von unserem Bewußtsein; sie ist strukturiert, zusammenhängend, quasi-kontinuierlich; sie ist wenigstens teilweise erkennbar und über Wahrnehmung, Erfahrung und intersubjektive Wissenschaft erklärbar. Nach dieser Auffassung ist alles faktische Wissen hypothetisch, also unsicher. Diese Behauptung ist selbst Teil einer Theorie, also ein Stück Erkenntnis. Sie muß deshalb auf sich selbst anwendbar sein. Das aber — so heißt es — müsse zu einem Widerspruch führen. Es handle sich hier um eine Art von Inkonsistenz wie in der Lügner-Antinomie „was ich sage, ist falsch" oder wie in dem Satz „keine Regel ohne Ausnahme". Wenn der letzte Satz tatsächlich eine Regel ist — und was sollte er sonst sein? — dann muß er auch für sich selbst gelten."

Dieses weit verbreitete Argument beruht jedoch auf einem Irrtum. Vollmer [15,S.251f]:

"Natürlich ist der Satz 'was ich jetzt sage, ist falsch' antinomisch. Denn ist er wahr, so ist er falsch, und ist er falsch, so ist er wahr. Aber schon die Regel 'keine Regel ohne Ausnahme' ist nicht antinomisch, sondern nur falsch. Nimmt man sie nämlich als wahr an, so ist sie — wie gezeigt wurde — falsch; aus der Annahme, sie sei falsch, folgt dagegen nicht, daß sie wahr wäre. Sie ist demnach falsch. Von einer Antinomie kann keine Rede sein."

"Wie steht es nun mit dem angeblichen Kernsatz des hypothetischen Realismus 'alle Sätze sind hypothetisch (d.h. entweder falsch oder, wenn wahr, dann nicht beweisbar)'? Dieser Satz ist tatsächlich falsch. [...] Der hypothetische Realismus behauptet jedoch nicht, alle Sätze seien hypothetisch, sondern nur, 'alle synthetischen Sätze sind hypothetisch'. Dies ist eine schwächere Aussage. Es geht dabei nicht um alle Sätze, sondern nur um die nicht-analytischen, um jene also, die nicht schon aus logischen Gründen wahr sind. [...] Nehmen wir [...] an, der Satz 'alle synthetischen Sätze sind hypothetisch' sei seinerseits synthetisch. Dann sollte er auch für sich selbst gelten, also selbstanwendbar sein. Er sagt dann über sich selbst, er sei, da synthetisch, auch hypothetisch, also falsch oder wahr - und unbeweisbar. Insbesondere könnte er falsch sein; es könnte nämlich, wie bereits betont, beweisbare synthetische Sätze geben. Sollte es sie geben, so ist zwar die Grundthese des hypothetischen Realismus falsch; das führt jedoch trotz aller Rückbezüglichkeit nicht zu einem Widerspruch."

Im oben zitierten Artikel analysiert Vollmer noch weitere Zirkularitätsvorwürfe. U.a. zeigt er, dass ein Rückkopplungsprozess zwischen Beobachten und Theoretisieren nicht als vitiöser Zirkel aufzufassen ist, sondern als Möglichkeit Fehler aufzudecken. Der Artikel ist Bestandteil einer zweibändigen Arbeit [15,16], in der Vollmer auf ca. 700 Seiten zahlreiche Einwände gegen die evolutionäre Erkenntnistheorie und den damit verbundenen hypothetischen Realismus behandelt.

Die dunkle Seite der Macht

Altgriechisch a-gnoein bedeutet "nicht wissen". Liegt der Ausweg vielleicht in einem generellen Agnostizismus? Wie wir gesehen haben, gehört es bereits zu den Grundannahmen des kritischen Realismus, dass sichere Erkenntnisse über die Welt wohl nicht möglich sind. Damit ist hier schon ein gewisser Wahrheitsagnostizismus eingebaut.

Der Wahrheitsskeptizismus hat allerdings eine Schattenseite, wenn er radikalisiert wird: Da bislang alle Erkenntnis unsicher scheint, könnte man vielleicht zu dem Schluss kommen, dass alle synthetischen Aussagen letztlich gleichwertig sind. Dadurch ergeben sich jedoch höchst unplausible Konstellationen, da beispielsweise die Annahmen, dass es a) den Pumuckl gibt oder dass b) hinter meinem Haus ein Baum steht, insofern gleichwertig sind, als sich beide nicht beweisen lassen. Die Suche nach dem Pumuckl dürfte aber eher erfolglos sein, während man den Baum höchstwahrscheinlich nicht nur sehen sondern auch mittels verschiedener Sensoren nachweisen kann. Die These vom Pumuckl hält der Kritik kaum stand, während sich eine Fülle von Belegen finden lässt, die die Existenz des Baumes stützen.

Unbeweisbarkeit scheint also die unterschiedliche Plausibilität von synthetischen Aussagen über die Welt nicht einzuebnen. W.v.O. Quine hat dies "existenzialistisch" pointiert [12,S.126]: "Creatures inveterately wrong in their inductions have a pathetic but praiseworthy tendency to die before reproducing their kind." Das bedeutet freilich nicht, dass sichere Induktionsschlüsse möglich wären. Die Fallibilistin wird daher nicht zu zeigen wünschen, dass eine bestimmte Aussage oder Theorie vollständig oder zu einem vorgegebenen Grad partiell wahr ist, sondern höchstens, dass es vernünftig ist, sie (vorläufig) zu akzeptieren, etwa wenn sie ernsthafter Kritik standgehalten hat. Ein objektiver Wahrheitsbegriff (ob binär oder graduell) bleibt bislang methodisch notwendig, da multiple subjektive Wahrheiten zu Widersprüchen führen.

Wir verlassen uns auf unsere Sinne, um Beobachtungen und experimentelle Evidenz zu sammeln. Alan Musgrave [11,S.291]: "Ein Sinnessystem, das die meiste Zeit falsche Information gäbe, würde für seinen Besitzer unvorteilhaft sein und daher durch die natürliche Selektion eliminiert werden. [...] Was das Argument von der Evolution zeigen kann, ist, daß die Evolutionstheorie und die fallibilistische Einstellung zur Sinneserfahrung sich gegenseitig stützen und Hand in Hand gehen. Aber das ist kein trivialer Punkt. Denn es kann gezeigt werden, daß andere nicht fallibilistische Einstellungen zur Sinneserfahrung ausgesprochen anti-evolutionär sind."

Was oft vergessen wird, ist, dass wir uns nicht immer nur auf unser Sinnessystem verlassen. Wenn weitgehend autonom agierende Roboter sich ähnlich im Raum orientieren wie wir, erhärtet dies die These, dass der Raum offenbar nicht nur eine subjektive Anschauungsform des menschlichen Verstandes ist. Zum selbstfahrenden Auto ist es nicht mehr weit.

Illusionäres Denken illusionär?

Den Begriff "Illusion" scheint Timm Grams nur im Rahmen einer naturalistischen Ontologie verorten zu können. Dem gegenüber benutzt jedoch bereits sein "Kronzeuge" Kant dieses Konzept: Er nennt es an mehreren Stellen "Hirngespinst". Im engeren Wortsinn ist eine Illusion eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit. Verschiedene Einzelwissenschaften beschäftigen sich mit diesem Phänomen. Als unvollständige Liste von Beispielen sei genannt:

  • Wahrnehmungspsychologen und Psychoakustiker untersuchen optische und akustische Täuschungen [20][21].
  • Daniel Kahneman und Amos Tversky haben eine Fülle kognitiver Verzerrungen ausgemacht [22].
  • Wer eine Wünschelrute in die Hand nimmt, erliegt einer ideomotorischen Täuschung [23].
  • Timm Grams beschäftigte sich mit "Denkfallen" [6].
  • Beim Placeboeffekt schreibt der Patient einem Medikament fälschlicherweise Wirkungen zu [24].
  • Die Biologie befasst sich mit der artübergreifenden Ähnlichkeit von Tieren, die offenbar als Tarnung Fressfeinde täuscht. [25]

Durch Kompensation möglicher sinnlicher oder kognitiver Täuschungen lassen sich prinzipiell Fehler vermeiden. Das hat sich bislang als unverzichtbarer Bestandteil des Unternehmens Wissenschaft erwiesen. So haben z.B. Medikamententests ohne vorherige Anmeldung (publication bias), Randomisierung (Selektionsfehler) und mindestens einer Doppelverblindung (Plazebo-Effekt) wenig Wert. Für die GWUP ist es von besonderer Bedeutung, Täuschung wo immer möglich durch methodische Vorkehrungen auszuschließen. Im "Projekt Alpha" zeigte James Randi wie relevant dieses Thema etwa in der Parapsychologie sein kann [26].

Angeblich "aufgrund einer Ontologie", so Timm Grams [8], "vermeinen diese Leute, wahre Erkenntnis von der Illusion scheiden zu können. Damit überschreiten sie die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens. Das mündet schließlich in Rechthaberei – eine Haltung, die mit dem Skeptizismus in jeder Hinsicht unvereinbar ist."

  • Sicher als wahr bewiesene Erkenntnisse werden, wie wir gesehen haben, gar nicht behauptet, diese Vorstellung entspringt lediglich der Phantasie des Autors. Das gilt auch dann, wenn nicht in jedem Satz das Wort "vorläufig" vorkommt.
  • Die angebliche Unmöglichkeit jegliche Illusionen, Täuschungen oder Irrtümer im Wahrnehmen und Denken (vorläufig) zu identifizieren und künftig möglichst zu vermeiden, schließt indirekt aus, dass sich plausiblere, genauere und mächtigere Theorien entwickeln lassen. Wir müssten heute z.B. noch davon ausgehen, dass es die N-Strahlen gibt, die sich jedoch ganz offensichtlich als Selbsttäuschung herausgestellt haben [27].
  • Alle Bemühungen Illusionen, Täuschungen oder Irrtümer zu identifizieren und zu vermeiden, überschreite angeblich die "Grenzen unseres Erkenntnisvermögens" und münde in Rechthaberei. Dieses Verdikt trifft dann aber auch ganz offenkundig eine Reihe von Einzelwissenschaften. Der Meinung kann man sein, man kann dies aber auch als lebensfeindlichen Radikalskeptizismus kritisieren.
  • Dass das versuchte Aufspüren und Vermeiden von Illusionen nur im Rahmen einer naturalistischen Ontologie stattfinden können solle, ist eine Fehlvorstellung. Entsprechende methodische Vorkehrungen sind vielmehr auch auf rein pragmatischer Grundlage üblich. Auch im Rahmen des kritischen Rationalismus wird der Begriff Illusion verwendet (Hans Albert: [1] "Kritik illusionären Denkens").

Die Grams'sche Abqualifizierung von Bemühungen um das Ausmerzen von Fehlern als "Rechthaberei" erscheint weder für die GWUP noch für die Einzelwissenschaften akzeptabel. Zwar hat Paul Feyerabend insofern Recht, dass wir nicht wissen können, welche methodischen Verbesserungen uns noch einfallen, aber "anything goes" ist dann extrem unplausibel, wenn es bedeutet, dass man Theorien ruhig auch durch Kaffeesatzlesen erhärten könne. Es muss wohl eher heißen: "anything better goes".

Missglückt

Als Beispiel für eine "fruchtbare Spinnerei" nennt Timm Grams [7] die für den "(illusorischen) Äther" von Maxwell formulierte elektromagnetische Theorie. Der "Naturalist" liefe Gefahr solche Entwicklungen "voreilig abzuwürgen und so den Spielraum für schöpferisches Tun einzuschränken". Dieses Beispiel ist zum einen kaum relevant für die Arbeit der GWUP und zum anderen nicht geeignet den Naturalismus zu desavouieren:

  1. Das Phänomen der elektromagnetischen Felder war sehr gut belegt. Bei behaupteten paranormalen Effekten wie Hellsehen [28] oder Psychokinese [29] oder alternativmedizinischen Methoden wie Spagyrik [30] oder Bachblüten [31] ist das eher nicht der Fall: Wir blicken hier auf eine jahrzehntelange vergebliche Suche nach stabilen Effekten zurück.
  2. Die maxwellschen Gleichungen lieferten gute Vorhersagen. Im Hinblick auf paranormale Effekte oder alternativmedizinische Methoden sind keine Theorien bekannt, die Vorhersagen machen könnten.
  3. Es ist nicht einsichtig, warum das Äther-Konzept des 19. Jahrhunderts als anti-naturalistisch aufgefasst werden sollte. Da die Theorie im Kern erfolgreich war, ist es auch kaum einleuchtend, warum man das Konzept als "Spinnerei" klassifizieren sollte. Im paranormalen Bereich kennen wir aber weder stabile Effekte noch halbwegs funktionierende Theorien.
  4. Die maxwellsche Theorie wurde weiter kritisch geprüft. Die Michelson-Morley-Experimente erschütterten das Äther-Konzept. Diese Resultate führten dazu, dass eine bessere Theorie ohne Rekurs auf den Äther entwickelt wurde. Demgegenüber lässt sich im paranormalen Bereich auch über längere Zeiträume praktisch kein Fortschritt feststellen. Experimentelle Misserfolge werden in diesem Bereich anscheinend eher ignoriert.

Da der Naturalismus heute fast immer mit einer fallibilistisch kritizistischen Erkenntnistheorie verbunden ist, vermag das Beispiel nicht plausibel zu machen, wie naturalistische Arbeitshypothesen zur "Fortschrittsbremse" werden können. Im Gegenteil - der experimentell kritizistische Ansatz hat hier offenbar gut funktioniert. Die Etablierung einer verbesserten Theorie zeigt, dass die empirischen Resultate nicht einfach mittels Immunisierungsstrategien neutralisiert wurden.

Im Bereich der - bislang vergeblich gesuchten - paranormalen Effekte lässt sich eine kritizistische Methodik kaum ausmachen, denn der empirische Misserfolg korreliert stark mit der Sorgfalt der experimentellen Kontrolle. Je genauer man prüft, desto weniger lässt sich feststellen. Diese Befundlage legt eigentlich das Nichtvorhandensein der Effekte als plausible Hypothese nahe. Es wird jedoch versucht, diese Kritik mit allerlei Immunisierungsstrategien zu verhindern. Das "weitgehend illusionäre Denken" wird mit diesen Strategien der Kritikimmunisierung identifiziert und dies betrifft primär methodische und nicht ontologische Erwägungen. Zwar umfasst eine Plausibilitätsprüfung auch ontologische Aspekte: Wenn ein behauptetes paranormales Phänomen sich angeblich nur durch unbekannte immaterielle Objekte erklären lassen soll, erregt dies zwar Verdacht, aber es wird deswegen nicht die Prüfung a priori abgelehnt.

Fazit

Meiner Ansicht nach ergeben sich für die GWUP nun folgende Schlussfolgerungen:

  • Der objektive Wahrheitsbegriff, den Timm Grams abschaffen möchte, muss beibehalten werden, da sich ein subjektiver Wahrheitsbegriff als dysfunktional erweist. So lassen sich wegen des logischen Kollapses deduktive Schlüsse nicht mehr ziehen und auch die regulative Idee der Wahrheitssuche geht verloren.
  • Sichere Wahrheitskriterien für synthetische Aussagen ließen sich bislang jedoch nicht gewinnen. Daher werden "ewige Wahrheiten" über die Welt - entgegen der Aussage von Timm Grams - nicht verkündet, es gilt vielmehr ein genereller Irrtumsvorbehalt.
  • Das transzendentale Verfahren führte Kant zu angeblich "apodiktisch wahren" synthetischen Aussagen über die Welt, die sich jedoch als falsch erwiesen. Damit hat sich das Verfahren nicht bewährt. Statt Apodiktik wird der Kritizismus bevorzugt.
  • Realismus und Naturalismus sind mit einem gemäßigten Skeptizismus völlig kompatibel. Die kantsche Resignationslösung hinsichtlich der Unerkennbarkeit der Welt braucht daher nicht angenommen zu werden.
  • Ein radikaler Skeptizismus ist aufgrund seiner Lebensfeindlichkeit keine Option.
  • Illusionsvermeidung durch geeignete Methoden ist ein zentrales Anliegen der Wissenschaft auch in einem rein pragmatischen Kontext.
  • Illusionäres Denken wird identifiziert als Umgehen von Kritik durch Anwenden von Immunisierungsstrategien. Dies ist unabhängig von ontologischen Erwägungen.
  • Kühne kritisierbare Allaussagen über die Welt sind das Gegenteil von Immunisierungsstrategien.
  • Nach Erklärungen zu suchen, wird als sinnvoll erachtet.
  • Nach Anomalien in der Welt wird trotz bisheriger Misserfolge weiter gesucht.

Carl Sagan schrieb über die wissenschaftliche Methode [13]: "Perhaps the sharpest distinction between science and pseudoscience is that science has a far keener appreciation of human imperfections and fallibility than does pseudoscience. If we resolutely refuse to acknowledge where we are liable to fall into error, then we can confidently expect that error - even serious error, profound mistakes - will be our companion forever."

Literatur

  1. Hans Albert: "Kritischer Rationalismus - Vier Kapitel zur Kritik illusionären Denkens", Mohr, 2000
  2. Mario Bunge: "Treatise on Basic Philosophy - Semantics II", Reidel, 1974
  3. Mario Bunge: "Treatise on Basic Philosophy - Ontology I", Reidel, 1977
  4. Mario Bunge: "Treatise on Basic Philosophy - Epistemology & Methodology I", Reidel, 1983
  5. Mario Bunge & Martin Mahner: "Über die Natur der Dinge", Hirzel, 2004
  6. Timm Grams: Das System der Denkfallen, 4. Februar 2012
  7. Timm Grams: Was ist Pseudowissenschaft?, 21. Dezember 2013
  8. Timm Grams: GWUP - Esoterik durch die Hintertür, 3. Mai 2014
  9. Bernd Harder: Psi-Tests 2013 in der taz, 14. August 2013
  10. Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft", AA III, 1787
  11. Alan Musgrave: "Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus", Mohr, 2010
  12. Willard Van Orman Quine: "Natural Kind" in "Ontological Relativity & Other Essays", Columbia Univ. Press, 1969
  13. Carl Sagan: "The Demon-Haunted World: Science As a Candle in the Dark", Random House, 1995
  14. G.G. Simpson: "Biology and the nature of science.", Science 139, 1963, 81-88
  15. Gerhard Vollmer: "Was können wir wissen I", Hirzel, 1985
  16. Gerhard Vollmer: "Was können wir wissen II", Hirzel, 1986
  17. Gerhard Vollmer: "Wissenschaftstheorie im Einsatz", Hirzel, 1993
  18. Gerhard Vollmer: "Auf der Suche nach Ordnung", Hirzel, 1995
  19. Hans Jürgen Wendel: "Moderner Relativismus - Zur Kritik antirealistischer Sichtweisen des Erkenntnisproblems.", Mohr, 1990
  20. Wikipedia: Optische Täuschung
  21. Wikipedia: Akustische Täuschung
  22. Wikipedia: Kognitive Verzerrung
  23. Wikipedia: Carpenter-Effekt
  24. Wikipedia: Placebo
  25. Wikipedia: Mimikry
  26. Wikipedia: Project Alpha
  27. Wikipedia: N-Strahlen
  28. Wikipedia: Außersinnliche Wahrnehmung
  29. Wikipedia: Telekinese
  30. Wikipedia: Spagyrik
  31. Wikipedia: Bach-Blüten