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Freier Wille - ein Widerspruch?

It’s a Free World

In seiner Monographie "Gott denken: Ein Versuch über rationale Theologie" vertritt Holm Tetens [1] das Konzept eines absolut freien, (selbst durch Gott) nicht vorhersagbaren Willens. Philosophen beschäftigen sich schon lange mit dem Problem der Willensfreiheit. Godehard Brüntrup [2,3] formuliert das "Trilemma des Freiheitsbegriffes" so:

  1. Einige menschliche Handlungen sind frei.
  2. Alle menschlichen Handlungen sind letztlich determiniert
    durch Ereignisse, die den Handelnden gegenüber extern und außerhalb ihrer Kontrolle sind.
  3. Es ist nicht möglich, dass eine freie menschliche Handlung letztlich determiniert ist durch Ereignisse, die den Handelnden gegenüber extern und außerhalb ihrer Kontrolle sind.

Es handelt sich um ein Trilemma zweiter Art [4], bei dem sich von drei Möglichkeiten nur zwei zugleich auswählen lassen. Die Negation der 1. These entspricht dem Determinismus, die Negation der 2. These dem Libertarismus und die Negation der 3. These dem Kompatibilismus. Tetens verfolgt demnach eine libertarische Position.

Geert Keil skizziert in [5,6] eine aktuelle libertarische Konzeption der Willensfreiheit. Der Autor schlägt darin einen fähigkeitsbasierten Freiheitsbegriff vor, der das So-oder-Anderskönnen unter gegebenen Bedingungen ins Zentrum stellt und der daher mit dem Determinismus unvereinbar ist. Er distanziert sich dabei allerdings von "verschiedenen unhaltbaren Annahmen", auf die der Libertarier nicht verpflichtet sei, wie Akteurskausalität, Dualismus, erster Beweger oder Naturgesetzaufhebung. Auch den Zufallseinwand, der üblicherweise als das größte Hindernis für einen vertretbaren Libertarismus angesehen würde, meint Geert Keil entkräften zu können.

  • Unbedingtheit: Ein durch nichts bedingter Wille, der unabhängig von den Einstellungen und dem Charakter der wollenden Person sei, müsse nicht angenommen werden. Der Grund hierfür liege darin, dass die Abwesenheit einer Laplaceschen Determination nicht gleichbedeutend mit der Annahme eines unbedingten freien Willens sei.
  • Dualismus: Libertarier müssten keineswegs leugnen, dass Personen und ihre Entscheidungen Teil der natürlichen Welt seien. Mentale Ereignisse seien nach allem, was wir wüssten, physisch realisiert, aber diese Realisierungsbeziehung hätte mit dem Determinismus nichts zu tun und sei als solche auch nicht freiheitsgefährdend.
  • Lokale Kausallücke: Für freie Entscheidungen müsse es auch keine spezielle Art von neuronaler Indeterminiertheit geben. D.h. spezifische Determinationslücken in Gehirnprozessen, in die der freie Wille hineinstoßen könne, seien nicht erforderlich. Wohlverstanden sei Indeterminiertheit schließlich kein lokaler Zug der Welt, sondern ein globaler. Nichtdeterminismus sei vielmehr nichts anderes als die Auffassung, dass der Laplacesche Determinismus nicht wahr sei, dass also der Weltlauf keinen ausnahmslosen Sukzessionsgesetzen unterliege.
  • Unbewegter Beweger: Frei wählende Personen bräuchten keine "ersten Beweger" zu sein, die Kausalketten in Gang setzten, was mit dem Prinzip der kausalen Geschlossenheit der Körperwelt bzw. die Geltung physikalischer Erhaltungssätze inkompatibel sei. Dass jedes Ereignis eine Ursache habe, sei jedoch nicht gleichbedeutend damit, dass jedes Ereignis unter deterministische Sukzessionsgesetze falle. Nur letzeres sei freiheitsgefährdend.
  • Akteurskausalität: Eine zusätzliche Kausalitätsart wie sie Immanuel Kant ("Kausalität aus Freiheit") und später auch Roderick Chisholm ("Agent Causality") vorschlugen, brauche nicht angenommen werden. Bei diesem Konzept wird unterstellt, dass wenn eine Person "eine Reihe von Begebenheiten von selbst anfängt" (Kant), also eine Kausalkette in Gang setzt, dann sei nicht etwas in ihr die Ursache für ihre Körperbewegung, sondern sie selbst verursache im Wortsinne ihre Handlung. Allerdings hat schon Broad auf das Datiertheitsproblem hingewiesen. Der bloße Verweis auf die Person als Ursache könne nämlich nicht erklären, warum eine Wirkung zu einem bestimmten Zeitpunkt eintritt und nicht früher oder später, denn die Person war ja schon vorher da und wird auch nachher noch da sein. Ereigniskausale Auffassungen hielten Akteurskausalisten hingegen für freiheitsgefährdend. Man könne jedoch, so Geert Keil, mit der gewöhnlichen Ereigniskausalität auskommen, diese aber nichtdeterministisch auffassen. Jedesmal, wenn wir etwas täten, verursachten vorausgehende mentale Ereignisse unsere Körperbewegung. Das schließe aber nicht aus, dass wir es seien, die die Körperbewegung ausführten. "Ausführen" sei nämlich etwas anderes als "verursachen". Dieses Ausführen oder Tun habe selbst keine kausale Binnenstruktur mehr.
  • Zufallsproblem: Dieses Argument lautet, dass wenn wir unter identischen Bedingungen also aufgrund der gleichen Überlegung so oder anders entscheiden könnten, wären unsere Entscheidungen als Produkte des Zufalls grundlos, irrational und kapriziös. Zufälligkeit vergrößert unsere Freiheit jedoch nicht, sondern unterminiert lediglich eine vernünftige Steuerbarkeit und Zurechenbarkeit. Damit stehe aber, so Geert Keil, "die Rationalität einer Entscheidung zur Debatte, also ihre Vernünftigkeit oder Verständlichkeit".

Der negative Teil einer Freiheitslehre, nämlich der Indeterminismus, erläutere nur, warum die physische Welt Freiheit nicht verhindere. Freiheit müsse zum anderen jedoch auch positiv erläutert werden, und es liege auf der Hand, dass der bloße Indeterminismus für eine positive Erläuterung nicht ausreiche, da diese ein echtes Vermögen beschreiben müsse, "eine potentia, keine bloße possibilitas".

Ein Grund, der auch die gegenteilige Handlung erkläre, erkläre tatsächlich überhaupt nichts. Der Überlegende hätte jedoch stets die Möglichkeit, weiter zu überlegen und sich umzuentscheiden. Hierdurch sei Freiheit gewährleistet, denn es gebe keinen Zeitpunkt vor dem Handlungsbeginn, zu dem unumstößlich feststehe, was der Akteur tun wird. Ein Libertarier müsse daher dem Handelnden auch nicht die Fähigkeit unterstellen, aus dem selben Grund beliebige Entscheidungen zutreffen. Es könnte nämlich zu jedem Zeitpunkt noch einmal eine Neubesinnung einsetzen, die die mentalen Einstellungen der Person verändere, aufgrund der sie dann anderes handeln könne.

Dies sei immer noch ein Anderskönnen unter gleichen Bedingungen, denn es müssten weder die Naturgesetze noch die Vorgeschichte der tatsächlichen Handlung geändert werden, und genau darauf käme es an. Die andere mögliche Handlung wäre etwas später begonnen worden, aber diese Abweichung hielte die Vorgeschichte der tatsächlichen Handlung konstant. Hierdurch werde auch das Rationalitätsproblem gelöst, denn weiter zu überlegen sei nicht irrational, da man sich niemals sicher sein könne, dass das, was man für die besten Gründe hält, auch die besten Gründe sind. Soweit Geert Keil.

Der Zufall möglicherweise

Zunächst muss ein Naturalist nicht den Determinismus vertreten. Es ist plausibel, dass es objektiven quantenmechanischen Zufall gibt. Wann ein Atomkern zerfällt, ist dann nicht nur nicht bekannt sondern prinzipiell nicht vorhersagbar. Zufälligkeit darf allerdings nicht mit Gesetzlosigkeit verwechselt werden, denn Zerfallsprozesse erfüllen stochastische Gesetzmäßigkeiten, die sich sehr genau messen lassen.

Die Möglichkeit echter Zufallsereignisse erhöht jedoch nicht die menschliche Freiheit, sondern verhindert lediglich die Zuschreibbarkeit von Handlungen zur entscheidenden Person, da rein zufällige Entscheidungen weder eine Beziehung zu personalen Präferenzen noch zu rationalen Gründen haben, wie auch Geert Keil bemerkt. Auch ist offensichtlich, dass Denken nicht nur rein indeterministisch ablaufen kann, denn anderenfalls wären wir überhaupt nicht imstande Mathematik zu betreiben oder andere rationale Schlussfolgerungen zu ziehen.

Geert Keil variiert nun leicht einen Ansatz von Robert Kane [7]. Diese Theorie einer "teleologischen Intelligibilität", bei der "eine Handlung im Hinblick auf ihr Ziel verständlich gemacht und damit ihrem Urheber zugeschrieben werden kann, auch wenn sie nicht determiniert ist" [8,S.50], soll Urheberschaft mit der Abwesenheit einer deterministischen Abhängigkeitsbeziehung vereinbaren können. Die Zuschreibbarkeit soll dadurch gegeben sein, dass sich alle - im Hinblick auf eine bestimmte Entscheidung für und wider - betrachteten Gründe (deterministisch) auf den Handelnden zurückführen lassen. Auf der anderen Seite soll das Autonomieprinzip in der geforderten strikten Fassung dadurch gegeben sein, dass die eigentliche Entscheidung von einem indeterminierten "Glaubensakt" abhängig ist. Damit lassen sich zwar alle vor der Entscheidung erwogenen Gründe auf die Person zurückführen. Warum nun aber ein bestimmter Grund und nicht ein anderer ausschlaggebend war, lässt sich jedoch wegen der absoluten - vom Zufall ununterscheidbaren - Indeterminiertheit nicht mehr auf Eigenschaften der Person zurückführen. Damit hat Kane den Zufallseinwand nicht entkräftet, sondern lediglich den Grad der Zufälligkeit eingeschränkt, indem er den Zustandsraum möglicher Entscheidungen von den Eigenschaften der Person, etwa ihren Wünschen, Überzeugungen und Bedürfnissen abhängig macht. Innerhalb dieses Zustandsraumes bleibt die Entscheidung jedoch rein zufällig, d.h. von der Person unabhängig [8,S.50ff].

Geert Keil rekurriert darauf, dass der Akteur sich zu jedem Zeitpunkt (indeterminiert) neu besinnen und weiter überlegen könne, was nicht irrational sei, da man sich niemals sicher sein könne. Damit löst auch Keil das Zufallsproblem nicht, sondern verschiebt es nur. So soll bei ihm der Verlauf der Überlegungen deterministisch und die Freiheit der Entscheidung in einem indeterministischen Stopp-Ereignis realisiert sein. Wann eine Überlegung mit einem bestimmten Ergebnis endet, ist aber wieder rein zufällig und hängt nicht von den Eigenschaften der Person ab, wodurch keine Zuschreibbarkeit mehr gegeben ist. Generell schließt alles Indeterminierte Zuschreibbarkeit im Sinne des Urheberprinzips aus, da Zufälligkeit keinen Zusammenhang mit der Person konstituiert.

So ist die Rolle des Zufalls im modernen Libertarismus nur reduziert jedoch nicht beseitigt. Immerhin sind die Entscheidungen nicht mehr rein zufällig, sondern korrelieren mit den personalen Präferenzen der Akteure.

Tetens hingegen fällt hinter diesen modernen Libertarismus zurück und schließt offenbar jegliche Korrelationen aus, da ihr Vorhandensein einem allwissenden Gott bekannt sein müsse, Gott jedoch die absolute Unvorhersagbarkeit menschlicher Entscheidungen wolle [1,S.45]. Der Dualismus, den Tetens vertritt, löst das Problem auch nicht, sondern verlagert es nur. Auch einem immateriellen Ich lässt sich eine Handlung nur zuschreiben, wenn sich diese Handlung auf dieses Ich zurückführen ließe. "Die Entscheidung des immateriellen Ich darf nicht undeterminiert sein, da sie sonst nicht zuschreibbar wäre, ist sie aber determiniert, dann kann sie wieder auf Faktoren zurückgeführt werden, die sich dem Einfluss des immateriellen Ich entziehen." [8,S.49].

Unter dem Titel "Free-Will-Defense" [9,10] spielt die unbedingte Willensfreiheit bis heute eine Rolle in der theologischen Diskussion. Der Grundgedanke hierbei ist, dass Gott von der Verantwortung für das Übel in der Welt entlastet werden könnte, wenn die menschlichen Willensentscheidungen nicht naturgesetzlich determiniert sind.

Das Argument ist jedoch aus verschiedenen Gründen nicht stichhaltig. Gott hätte den Menschen zwar mit einem freien Willen, der sich auch für das "Böse" entscheiden kann, erschaffen können, aber die Randbedingungen der Freiheit so gestalten können, dass de facto niemand von der Möglichkeit des Bösen Gebrauch macht [11,S.137f]. Zum anderen war Gott leichtsinnig, denn er hätte wissen müssen, was Menschen tun könnten. Es hilft auch nicht, Gott vor diesen Vorwürfen mit den Worten, er habe das Böse doch nicht verursacht, sondern nur zugelassen, freizusprechen. Denn es macht keinen großen unterschied, ob man jemanden ertränkt oder ihn vor dem Ertrinken bloß nicht rettet, obwohl man problemlos dazu imstande wäre [10,S.150].

Der Begriff der indeterminierten Freiheit ist inkohärent, denn wenn die Kausalbeziehungen zwischen einer Entscheidung und den personalen Präferenzen unterbrochen werden, ist die Verbindung zwischen der Person und ihrer Entscheidung durchbrochen. Eine solche Verbindung setzt voraus, dass Überzeugungen und Bedürfnisse, die eine Person ausmachen, auch Einfluss auf ihre Entscheidungen haben. Als Ausweg bleibt ein kompatibilistisches [12] Verständnis von Freiheit, das auf einer bedingten Autonomie und einem deterministischen Urheberprinzip aufbaut. Siehe dazu Michael Pauen [8].

Literatur

[1] Holm Tetens: "Gott denken: Ein Versuch über rationale Theologie", Reclam, 2015.

[2] Godehard Brüntrup, "Theoretische Philosophie" 2011, Komplett-Media.

[3] Godehard Brüntrup: "Gibt es einen genuin philosophischen Teil des Leib-Seele-Problems?", in: Koncsik und Wilhelms (Hrsg.): "Jenseits, Evolution, Geist", Frankfurt, Bamberger Theologische Studien, Bd. 14. 2004, 227-248, PDF.

[4] Trilemma bei Wikipedia.

[5] Geert Keil: "Wir können auch anders. Skizze einer libertarischen Konzeption der Willensfreiheit", Erwägen Wissen Ethik, Jahrgang 20, Heft 1, 2009, 3-16, PDF.

[6] Geert Keil: "Willensfreiheit und Determinismus", Reclam, 2009.

[7] Robert Kane: "Two Kinds of Incompatibilism", Philosophy and Phenomenological Research, Vol. 50, No. 2, 1989, pp. 219-254, PDF.

[8] Michael Pauen: "Illusion Freiheit?", Fischer, 2004.

[9] Theodizee bei Wikipedia.

[10] Friedrich Hermanni: "Das Böse und die Theodizee. Eine philosophisch-theologische Grundlegung", Gütersloh, 2002.

[11] Gerhard Streminger: "Gottes Güte und die Übel der Welt", Mohr, 1992.

[12] Kompatibilismus und Inkompatibilismus bei Wikipedia.