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Rationale Theologie - ein Oxymoron?

Über Holm Tetens: "Gott denken: Ein Versuch über rationale Theologie"


Welcher Naturalismus?
Rationale Theologie
Naturalismus als Metaphysik
Kritisierbarkeit des Naturalismus
Dogmatische Methodik?
Naturalismus prinzipiell unwiderlegbar?
Mind the gap
Into Eternity
Gravity
eXistenZ
Matrix
Ex machina
Das Böse
Phase IV
Interstellar
Ghost
Final Fantasy

Welcher Naturalismus?

Holm Tetens [1] kritisiert in seinem Buch "Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie" den "Naturalismus". Dieser Begriff wird in der Literatur allerdings nicht einheitlich verstanden. Es gibt zahlreiche Varianten vom eliminativen Materialismus bis zum Eigenschaftsdualismus. Eine Gemeinsamkeit haben jedoch alle Naturalismen: Es wird generell angenommen, dass die physikalischen Symmetrieprinzipien [2] (Naturgesetze) im gesamten Universum ausnahmslos gelten. "Natürlich" bedeutet nach diesem Verständnis also naturgesetzkonform. "Übernatürlich" impliziert folglich die Nichteinhaltung eines oder mehrerer Naturgesetze.

Rationale Theologie

Dem Naturalismus setzt Tetens eine "rationale Theologie" entgegen, in der als "vernünftige Hoffnung" auf "Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde ... den Heiligen Geist, [die] Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben" gesetzt werden soll.

Tetens nennt [1,S.8ff] fünf wichtige Bedingungen, die er sich einzuhalten auferlegt, um die Vernünftigkeit seiner Überlegungen darstellen zu können:

  1. Die Wissenschaften beschrieben und erklärten die Erfahrungswelt im wesentlichen korrekt.
  2. Es gebe keine Wunder.
  3. Die Prinzipien des analytischen Denkens und der Logik blieben gültig.
  4. Auf Ungereimtheiten des Naturalismus werde durchgängig dialektisch Bezug genommen.
  5. Weder ließen sich naturalistische Annahmen definitiv widerlegen noch im Gegenzug theistische Postulate beweisen.

Naturalismus als Metaphysik

Tetens ist zuzustimmen, wenn er auch darauf hinweist [1,S.12ff], dass der Naturalismus eine bislang unbewiesene metaphysische Annahme ist. Dies ist ein bekanntes Ergebnis skeptizistischer Überlegungen, die zeigten, dass bislang jeder Versuch, sicheres Wissen über die Welt zu erlangen, am sog. Münchhausen-Trilemma [3] scheiterte, d.h. entweder in einem infiniten Regress, in einem logischen Zirkel oder mit einem dogmatischen Abbruch an einem selbst gewählten Punkt endete.

Tetens hat allerdings nicht Recht, wenn er durch seine Rationalitätsbedingung (5) nahe legt, dass der Naturalismus prinzipiell nicht scheitern könne. Dieser kann nämlich scheitern, wenn die Wissenschaft scheitert, die nach seinen Prinzipien verfährt. In diesem Zusammenhang ist das "Keine-Wunder"-Postulat (2) relevant. Im Naturalismus folgt es deduktiv aus dem Allsatz, der fordert, dass alle Ereignisse im Universum naturgesetzmäßig ablaufen müssen. Schon ein Wunder (d.h. ein Phänomen, das naturgesetzlichen Prinzipien widerspricht) würde den Naturalismus erschüttern.

Kritisierbarkeit des Naturalismus

Zwar ist es richtig, dass der menschliche Irrtumsvorbehalt auch im Falle des Aufweises eines naturgesetzinkompatiblen Phänomens gilt. Diese bislang nicht ausschließbare Irrtumsmöglichkeit verhindert tatsächlich eine "definitive" Letztwiderlegung des Naturalismus. Es besteht allerdings eine wichtige Asymmetrie: Die Gültigkeit eines Allsatzes zu erschüttern, ist bedeutend einfacher als ihn zu erhärten. Für praktische Zwecke reichte schließlich ein einziges experimentell darstellbares übernatürliches Phänomen, um hinsichtlich der Allgemeingültigkeit des Naturalismus erhebliche Zweifel aufkommen zu lassen. So ist das "Keine-Wunder"-Postulat im Naturalismus keine Dogmatik, sondern ermöglicht gerade seine Kritisierbarkeit.

Etwas anders liegt der Fall bei der Tetens'schen "rationalen Theologie". Diese postuliert eine allmächtige supranatürliche Entität, die definitionsgemäß nicht an Naturgesetze gebunden ist. Allerdings zeige sich diese Entität in der Erfahrungswelt nicht (1). Dies schwächt die kritikermöglichende Wirkung des "Keine-Wunder"-Postulates deutlich: Wenn sich nämlich keine Wunder finden lassen, so sagt die "rationale Theologie" das schließlich voraus; stellen sich hingegen Wunder ein, braucht diese Theologie nur unwesentlich modifiziert zu werden, indem man Wunder einfach wieder zulässt.

Dogmatische Methodik?

Tetens konstatiert bei den (Natur-)Wissenschaften ein methodisches Apriori. Dies einzuhalten entscheide mit darüber, ob etwas als Wissenschaft gelten dürfe oder nicht. Dazu würden unter anderem zwei Verbote und ein positives Gebot [1,S.13f] zählen:

  1. Verbot teleologischer Erklärungen: In den empirischen Wissenschaften solle außerhalb des Kontextes menschlichen Handelns nichts mit der Wirksamkeit von Zwecken oder Zielen erklärt werden. Auf diese methodologische Maxime habe sich die Wissenschaft verständigt, nachdem sich der Darwinismus und die Evolutionstheorie Ende des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hätte.
  2. Verbot übernatürlicher Erklärungen: In einem methodischen Atheismus dürfe nichts mit dem Wirken und den Absichten einer erfahrungstranszendenten Intelligenz erklärt werden.
  3. Gebot naturgesetzlicher Erklärungen: Außerhalb des Kontextes menschlicher Handlungen müsse alles letzten Endes und auf lange Sicht naturgesetzlich erklärt werden.

Damit wirft Tetens [1,S.14f] der Wissenschaft Dogmatismus vor: Die drei methodischen Maximen seien nämlich nicht in Geltung gesetzt worden, nachdem man zuvor die Existenz Gottes widerlegt habe und mit dem finalen Beweis der universellen Geltung von Naturgesetzen teleologische Erklärungen überflüssig gemacht habe. Die Wissenschaft habe sich vielmehr a priori sowohl auf den Ausschluss teleologischer Erklärungen als auch auf den "methodischen Atheismus" "eingeschworen" und könne Gott daher "von vornherein" nicht finden.

Die Evolutionstheorie entstand jedoch nicht "a priori" im Lehnstuhl [4], sondern wurde von Naturforschern wie Darwin und Wallace entwickelt, die über die ganze Welt reisten und dabei Beobachtungen machten, die mit der biblischen Genesis nicht vereinbar waren. Bekanntlich veröffentlichte Darwin sein Werk "Über die Entstehung der Arten" erst 23 Jahre nach seiner Beagle-Reise, nachdem er weitere intensive biologische Studien durchgeführt hatte. Kirchenvertreter waren nicht erfreut über diese Theorie.

Darwins Evolutionstheorie wurde seither ständig hinterfragt und zur Synthetischen Evolutionstheorie weiter entwickelt. Vorhersagen von Darwin bestätigten sich (etwa beim Schmetterling [5-6] Xanthopan morgani praedicta). Seither führt die christliche Kirche ein Rückzugsgefecht [7-10]. Sie akzeptiert inzwischen notgedrungen, dass der Körper des Menschen aus der Evolution stammt. Sie kann aber nicht akzeptieren, dass auch die höheren mentalen Funktionen (kirchlich: die Seele) evolutionär entstanden sind. Die Kirche beharrt auf dem Körper-Geist-Dualismus.

Wenn die Wissenschaft supranatürliche Entitäten tatsächlich nur aus reinem Dogmatismus verwirft, sollte es eigentlich keine Experimente gegeben haben, bei denen nach über- oder para-natürlichen Ereignissen gesucht wurde. Das ist aber nicht der Fall.

In 150 Jahren parapsychologischer [11-13] Forschung ließ sich kein einziges halbwegs stabiles Psi-Phänomen wie etwa Telepathie, Präkognition, Hellsehen, Psychokinese, Spuk, Reinkarnation oder Geistererscheinungen finden. Bis in die jüngste Zeit [14-17] werden behauptete Psi-Fähigkeiten untersucht - bislang jedoch ohne positives Ergebnis. Jedes dieser Phänomene wäre unvereinbar mit dem Naturalismus im obigen Sinn.

Auch die Bestätigung paramedizinischer Effekte [18] würde den Naturalismus de facto widerlegen. Ein experimenteller Beleg der Wirksamkeit der Homöopathie [19-21] würde die gesamte Chemie invalidieren und damit auch den Naturalismus. Streng kontrollierte Studien finden jedoch überhaupt keinen Effekt.

Selbst ein möglicher Einfluss von Fürbitten auf die Befindlichkeit von Kranken [22] wurde wissenschaftlich getestet. Bei Erfolg wäre die theologische Position gestärkt und der Naturalismus geschwächt, was aber nicht der Fall war.

Generell zeigen die Experimente bislang, dass wachsende experimentelle Kontrolle den Raum für das Übernatürliche mehr und mehr schrumpfen lässt. Phänomene aus der Physik, Chemie, Biologie oder Psychologie bleiben auch bei strengster experimenteller Kontrolle stabil.

Das ist zwar auch kein "definitiver" Beweis der Nichtexistenz übernatürlicher Phänomene, was nicht überrascht, da bislang noch überhaupt nichts Interessantes über das Universum endgültig bewiesen wurde. Aber es zeigt immerhin, dass es prinzipiell möglich ist, den Naturalismus durch experimentelle Ergebnisse "praktisch" zu widerlegen. Die Tatsache der (wenn auch erfolglosen) Suche nach dem Übernatürlichen ist auch nicht recht kompatibel mit der Tetens'schen Behauptung, die Wissenschaft würde das Supranatürliche lediglich dogmatisch a priori d.h. vor aller Erfahrung ausschließen. Es sollte für eine allmächtige Entität, die die Welt erschaffen haben soll, eigentlich kein Problem sein, sich durch ein paar übernatürliche Effekte wenigstens indirekt hinreichend deutlich zu zeigen.

Naturalismus prinzipiell unwiderlegbar?

Tetens präsentiert ein Beispiel [1,S.17f] für eine - seiner Meinung nach für den Naturalismus prototypische - metaphysische Aussage: "Es existieren [...] nur die wenigen Arten A1,...,An von Gegenständen, die auf die Weise W miteinander verbunden eine Welt bilden; die meisten anderen Arten von Gegenständen, die wir zumindest sprachlich erst einmal unterscheiden, existieren entweder nicht oder lassen sich jeweils auf die Weise W' auf die wenigen Gegenstandsarten A1,...,An zurückführen."

Tetens argumentiert für die Unwiderlegbarkeit dieser Aussage, indem er sagt: Auch wenn es nicht gelänge, Gegenstände der Art A einsichtig auf Gegenstände der Art A1-An zurückzuführen, sei es immer möglich zu behaupten, dass Gegenstände der Art A letztlich auch Gegenstände der Art A1-An seien, wir aber noch nicht in der Lage seien, das zureichend zu erkennen.

Die metaphysische Aussage entspricht freilich nicht dem weiter oben angenommenen Basisnaturalismus, der lediglich von der universellen Gültigkeit von Naturgesetzen ausgeht und der kritisierbar ist, indem man ein naturgesetzwidriges Phänomen identifizierte und ausreichend gegen mögliche Irrtümer absicherte.

Tetens spricht vom Misslingen, etwas einsichtig auf etwas anderes zurückzuführen. Er zielt damit auf "Erklärungslücken" ab. Diese gibt es aber in jedem bekannten Theoriesystem über das Universum und beweist nicht die grundsätzliche Unkritisierbarkeit der Aussage, denn Gegenstände der Art A könnten z.B. Eigenschaften haben, die unvereinbar mit den Eigenschaften der Gegenstandsarten A1,...,An sind. Um ein Konzept, eine Hypothese oder eine Theorie zu kritisieren, wird gewöhnlich etwas aus ihr gefolgert, das nicht der Fall sein darf, wenn die Ursprungsbehauptung wahr ist. Wenn es z.B. gelänge, mit den Toten per Telepathie zu kommunizieren [23], wäre das Konzept, dass mentale Phänomene physisch im lebendigen Körper entstehen, praktisch widerlegt.

Mind the gap

Tetens unterstellt [1,S.22ff] dem Naturalismus 4 "Defekte":

Defekt 1: Erfahrungswissenschaftliche Beschreibungen von Personen seien unvollständig, da sie die Innenperspektive nicht erfassen können.

Die Unvollständigkeit unserer Theorien über die Welt und die prinzipielle Verschiedenheit von Erleben und Erklären wird generell zugegeben. Das erhöht jedoch kaum die Plausibilität übernatürlicher (naturgesetzinkompatibler) Ursachen für mentale Phänomene. Des Weiteren zeigt dies auch nicht die Unmöglichkeit einer psychophysischen Wissenschaft, denn zu den Objekten der Mikrophysik haben wir schließlich auch keinen direkten Zugang. Es besteht kein eiserner Vorhang zwischen Erleben und Beobachten, da wir schließlich die Berichte anderer Personen mit unserem eigenen Erlebnissen vergleichen können.

Defekt 2: Da sich das psychologische Alltagsvokabular nicht mit Hilfe des physikalischen Vokabulars explizieren lasse, sei es nicht möglich, logisch-begrifflich von physikalischen Aussagen auf Aussagen über Mentales zu schließen. Daher sei es nicht möglich, Mentales rein naturalistisch zu verstehen.

Die Begriffsanalyse dient dazu, den Sprachgebrauch zu klären. Neue synthetische Aussagen über die Realität lassen sich mit dieser Methode jedoch kaum finden, denn sie kann nichts ergeben, was über die analysierten Begriffe hinaus geht. Wissenschaft arbeitet vielmehr hypothetisch-deduktiv.

Mit "naturalistisch verstehen" meint Tetens wohl die These, dass mentale Vorgänge durch physische Prozesse im Gehirn [24] entstehen. Diese Arbeitshypothese ist für Tetens offenbar erst dann akzeptabel, wenn im Detail einzelne mentale Vorgänge auf physikalische Vorgänge zurückgeführt werden können. Da das menschliche Gehirn ca. 100 Milliarden Neuronen, ebenso viele oder mehr Gliazellen und grob 100 Billionen Synapsen enthält, überrascht es kaum, dass diese weitreichende Forderung bisher nicht erfüllt werden kann.

Tetens unterschlägt jedoch die Tatsache, dass es überwältigend viele Belege (siehe Auswahl [25-37]) dafür gibt, dass mentale Vorgänge offenbar tatsächlich im Gehirn entstehen. Der Körper muss hierzu auch sehr viel Energie [38-39] aufwenden und bereits kleine Störungen der Energieversorgung beeinträchtigen das Bewusstsein. Dass z.B. mit einer Methode wie der transkraniellen Magnetstimulation [25-26], bei der mit Hilfe starker Magnetfelder Bereiche des Gehirns sowohl stimuliert als auch gehemmt werden können, Einfluss auf mentale Vorgänge genommen werden kann, stützt auch eher die These von Geist als Gehirnfunktion als vom Geist als Gespenst. In einem neueren Experiment ließen sich sogar visuelle Erfahrungen durch Videos über Hirnscans [29-31] rekonstruieren, was ebenfalls für Gehirnaktivität spricht. Dass sich das Gehirn in der Evolution graduell entwickelte, ist ebenfalls gut belegt [40-41].

Wie dies bei allen anderen realwissenschaftlichen Erkenntnissen auch der Fall ist, ließ sich die These, dass Geist durch Gehirnaktivität entsteht, bislang freilich nicht sicher beweisen. Es gilt aber zu bedenken, dass es keinerlei belastbare Hinweise auf einen übernatürlichen Charakter des Mentalen gibt.

Der Weg von der Physik zu den mentalen Phänomenen ist auch zu weit, denn letztere entstehen erst auf biologischer Ebene durch das Zusammenwirken einer äußerst komplexen Anordnung von Zellverbänden. Zwischen Physik und Biologie liegt zudem noch die Ebene der Chemie. So ist es bislang auch nicht möglich, "logisch-begrifflich" von quantenfeldtheoretischen Aussagen auf Aussagen über Amöben zu schließen.

Defekt 3: Die Wissenschaft kenne bisher nur grobschlächtig formulierte notwendige Bedingungen für das Mentale. Insbesondere gebe es keine auch nur im Ansatz soliden empirischen Hinweise dafür, dass mentale Vorgänge durch naturgesetzlich erklärbare Hirnaktivitäten entstünden. Der Naturalismus müsse sich daher auf die im Kern dualistische These zurückziehen, dass das Mentale aus dem Physischen stark emergiere.

Tetens charakterisiert die mühsame wissenschaftlich empirische Kleinarbeit mit dem Attribut der Grobschlächtigkeit. Wer so formuliert, sollte liefern können. Tetens kann allerdings nicht liefern, wie wir noch sehen werden.

Hinsichtlich des Begriffes "Emergenz" gibt es mindestens zwei Auffassungen, einer systemtheoretischen (ontologischen) und einer erkenntnistheoretischen. Systemtheoretisch versteht man emergente Eigenschaften als Eigenschaften, die ein Gesamtsystem hat, seine isolierten Einzelteile jedoch nicht. Sie sind qualitativ neu und bilden sich durch das Zusammenspiel der Elemente eines Systems. So kann ein einzelnes Neuron nicht denken, das im lebenden Körper eingebettete Gehirn aber schon. Erkenntnistheoretisch wird Emergenz als Unerklärbarkeit gewisser Systemeigenschaften auf der Grundlage der Beschreibung ihrer Elemente verstanden, wobei "schwache Emergenz" für vorläufige und "starke Emergenz" für prinzipielle Unerklärbarkeit steht. Dass mentale Phänomene über große Zellverbände auf der biologischen Ebene entstehen, ist in der Forschung kaum umstritten. Was die Nichterklärtheit angeht ist festzuhalten, dass selbst bei vergleichsweise einfachen Phänomenen, wie etwa Wetterereignissen, die vollständige Erklärung von Makrophänomenen auf der Ebene von Elementarteilchen praktisch so fernliegend ist, dass der Unterschied zwischen schwacher und starker Emergenz gegenwärtig wenig Relevanz hat.

Seltsam ist, dass Tetens in der ersten seiner fünf Rationalitätsbedingungen postuliert, dass die Wissenschaften die Erfahrungswelt im wesentlichen korrekt beschrieben und erklärten. Das passt nicht recht zur obigen Aussage, denn in der Wissenschaft geht man kaum von einer immateriellen Seele aus, sondern verlegt sich im Wesentlichen auf die Untersuchung von Gehirnaktivitäten und ihre Beziehung zu psychologischen Phänomenen. Abgesehen davon werden beim phänomenalen Bewusstsein offenbar "unzulässig hohe Maßstäbe an reduktive Erklärungen angelegt" (Michael Pauen). Schließlich ist wissenschaftliches Erklären kein dichotomes Unternehmen, das nach einem Alles-oder-nichts-Prinzip funktioniert. Theorien oder Hypothesen können graduell mehr oder weniger empirisch adäquat sein. So sind die Gravitationstheorien von Galilei über Newton bis Einstein jeweils genauer, aber auch die Galileischen Formeln können auf der Erde noch brauchbare Näherungen liefern. Angesichts der großen Zahl von Belegen für physische Hirnaktivitäten und den völlig fehlenden Belegen für eine immaterielle Seele, bleibt unverständlich, warum sich Naturalisten auf eine prinzipielle Unerklärbarkeit mentaler Phänomene zurückziehen müssten.

Defekt 4: Naturalisten glaubten, die materielle Realität zumindest in ihren Grundzügen zureichend erkennen zu können. Es sei jedoch ausgeschlossen, zirkelfrei zu erklären, warum wir Menschen die materielle Realität zureichend erkennen können sollten.

Es braucht jedoch nicht behauptet zu werden, dass die Realität zureichend erkannt wurde, sondern nur, dass es vernünftig ist, an wissenschaftliche Theorien (vorläufig) zu glauben, die offenbar korrekte neue Vorhersagen machen, was eine schwächere Aussage ist. Absolut sichere Erkenntnisse konnten bislang wegen des unüberwundenen Münchhausen-Trilemmas nicht gewonnen werden. Das beste, was man bisher erreichen konnte, ist zu sagen, dass eine Theorie oder eine Hypothese ernsthafter Kritik widerstanden hat. Warum sollte es nun aber vernünftig sein, an eine Theorie zu glauben, die ernsthafter Kritik widerstanden hat? Die Antwort ist, dass dieses Prinzip bislang ebenfalls ernsthafter Kritik widerstanden hat [43]. Das ist zwar zirkulär, Tetens hat aber auch nichts besseres zu bieten und nicht jeder Zirkel ist auch vitiös.

Into Eternity

Nach Tetens [1,S.30] verdanken wir Hegel eine "geniale Definition des Endlichen": Etwas sei "endlich, wenn es durch etwas begrenzt und bedingt ist, was es selbst nicht ist." Nach dem üblichen Sprachgebrauch muss sich somit aus dem Prädikat "begrenzt und bedingt" das Prädikat "endlich" ableiten lassen. Das leuchtet aber überhaupt nicht ein, denn die Menge der geraden natürlichen Zahlen ist durch die ungeraden Zahlen zwar "begrenzt und bedingt" aber dennoch unendlich.

Das auf diese Weise definierte Attribut der Endlichkeit benötigt Tetens für seinen Begriff des endlichen Ich-Subjektes: "Wir können uns unzweifelhaft als endliche Ich-Subjekte denken und erkennen" [1,S.33], so Tetens. Wir seien unter anderem deshalb endliche Ich-Subjekte, weil wir anderen Menschen begegneten, die ebenfalls Ich-Subjekte seien [1,S.30f]. Warum Ich-Subjekte "unzweifelhaft" "endlich" sein müssen, wird nicht klar, denn die "geistige Ich-Perspektive und geistigen Zustände" sind nach Tetens vom Physischen oder Materiellen grundsätzlich verschieden. "Geist" soll Tetens zufolge ja prinzipiell unerklärbar sein und könnte daher auch "unendlich" sein.

Hinsichtlich der personalen Identität vertritt Tetens einen psychologischen Endurantismus [44]: "Aus meiner eigenen Ich-Perspektive bin ich dieselbe Person, insofern ich mich als dasselbe Subjekt meiner verschiedenen Bewusstseinszustände denke: Ich, der X bewusst erlebt, bin derselbe, der auch schon Y bewusst erlebt hat. Meine Identität ist für mich nicht an spezifische physische Bedingungen gebunden, sondern allein an den ständig erneuerten Vollzug des Gedankens, mir selber verschiedene Bewusstseinszustände zuzuschreiben." [1,S.32]

Sich selbst verschiedene Bewusstseinszustände zuschreiben zu können, ist nach Tetens unabhängig von physischen Bedingungen [1,S.32]. Das passt allerdings eher schlecht zu bekannten Phänomenen von qualitativen oder quantitativen Bewusstseinsstörungen, die durch physische Bedingungen verursacht sind, wie z.B. Schädel-Hirn-Traumata, Intoxikationen, Hypo-/Hyperglykämien, Schlaganfälle, Meningitis, Epilepsie, erhöhter Hirndruck, Tumoren oder kardiovaskuläre Probleme [45].

Tetens ordnet die Dichotomie des Endlichen und Unendlichen nun einerseits den Exemplaren des Homo sapiens und andererseits einem allmächtigen Gott zu: "Damit können wir auch denken, was wir nicht sind: ein unendliches Ich-Subjekt. Ein solches unendliches Ich-Subjekt ist dadurch definiert, dass es weder epistemisch noch in dem, was es will, durch etwas beschränkt und begrenzt ist, was es selber nicht ist. Es kann nur ein einziges unendliches Ich-Subjekt geben. Nennen wir es 'Gott'." [1,S.33] Somit haben wir die übliche Konstruktion eines allmächtigen und allwissenden Wesens.

Gravity

(A) Andere Menschen könne man niemals "in deren eigener Ich-Perspektive" erleben [1,S.30]. Somit könne man sich auf sie "nur indirekt, vermittelt über etwas Anderes beziehen." Dieses Andere könne überhaupt nichts Geistiges sein, denn geistige Zustände seien privat. Etwas von einer geistigen Ich-Perspektive Verschiedenes sei etwas "Physisches" oder "Materielles". (B) Daher, so Tetens, "müssen [wir Menschen] als endliche Wesen für einander jeweils in Materie verkörperte Ich-Subjekte sein." Materie könne das Mentale nicht erklären. Materie sei "Bedingung der Möglichkeit intersubjektiver Begegnung von uns Menschen als endlichen Ich-Subjekten." [1,S.32] Die Materie bedinge und begrenze uns als endliche Wesen. Materie sei das Medium der Intersubjektivität des Geistes.

Dass wir zu den mentalen Vorgängen in anderen Personen keinen direkten Zugang haben und dass wir offenbar materiell verkörperte Lebewesen sind, ist allgemein Konsens. Für Tetens sind physische Bedingungen allerdings nur notwendig, um andere Personen zu erkennen und mit ihnen in Kontakt treten zu können. Mentale Zustände könnten jedoch keine hinreichenden physischen Bedingungen haben: "Wenn jeder mentale Zustand aber hinreichende und notwendige physische Bedingungen hat, dann könnte man mit ihrer Hilfe aus der Beobachterperspektive alles über ein Ich-Subjekt wissen, was dieses von sich aus der eigenen Ich-Perspektive weiß. Die Ich-Perspektive ließe sich durch die Beobachterperspektive vollständig ersetzen. Diese Annahme ist absurd." [1,S.32]

Wenn man unter dem Begriff Beobachtung eine zielgerichtete, aufmerksame Wahrnehmung von Objekten, Phänomenen oder Vorgängen versteht, ohne dass hierbei nennenswerte Rückwirkungen auf das Beobachtete entstehen, so lassen sich z.B. mikrophysikalische Entitäten grundsätzlich nicht beobachten; es lassen sich lediglich die makroskopischen Folgen mikrophysikalischer Wechselwirkungen beobachten und mit den theoretischen Vorhersagen vergleichen. Es ist aber auch praktisch völlig fernliegend, etwa nur die mesoskopischen Zustände der grob 100 Billionen Synapsen des menschlichen Gehirns mit hinreichender zeitlicher Auflösung rückwirkungsfrei erfassen zu wollen. Ein synaptischer Spalt ist schließlich nur 20 nm (millionstel Millimeter) breit. Es ist auch nicht das Ziel der Hirnforschung, Erleben durch Messen "vollständig ersetzen" zu können. Es wird vielmehr nach Korrelationen zwischen physischen Aktivitäten und mentalen Vorgängen gesucht.

eXistenZ

Nach Tetens ist das "Verhältnis von Gott und Welt pan-en-theistisch bestimmt: Alles in der Welt ist in Gott in dem Sinne, dass es Inhalt vernünftiger Gedanken Gottes ist. [..] Wenn Gott vernünftig denkend glaubt, dass etwas der Fall ist, so ist es auch der Fall." [1,S.36] Weiter: "Gott will nur das, was vernünftig, gut und schön ist, und er will nichts, was unvernünftig ist. Er will insbesondere nichts, was logisch oder begrifflich widersprüchlich ist. Das logisch oder begrifflich Widersprüchliche denkt er noch nicht einmal. Umgekehrt legt er sich auf alles logisch oder begrifflich Wahre fest und will es auch." [1,S.38]

Tetens schlägt demnach das bekannte Konzept der essenziellen Allmacht [46] vor, um dem Allmachtsparadoxon zu entgehen: Da Gott nichts logisch Unmögliches tun kann, kann er sich auch keine Aufgabe stellen, die er selbst nicht lösen kann. Obwohl er eine solche Aufgabe nicht erschaffen kann, bleibt er dennoch allmächtig, da seine Allmacht essenziell ist.

Matrix

(E) Aus theistischer Perspektive sei Materie etwas, das zum intersubjektiv zugänglichen Ausdruck des Geistes werden solle. Materie solle erkannt, bearbeitet, umgestaltet, verschönert werden und hierdurch "zum immer klareren Ausdruck des Geistes werden" [1,S.42]. Gott müsse deswegen die Natur durch Gesetze bestimmt denken, auf die sich Menschen in ihrem planmäßigen Handeln verlassen dürften und die sie in endlich vielen Schritten durch experimentelle Forschung auch erkennen könnten. Schon von daher ließen "Naturgesetze keine willkürlichen, unvorhersehbaren und unerklärbaren Ausnahmen zu." Mithin müsse Gott eine Natur wollen, in der sich keine Wunder ereigneten [1,S.43].

Allerdings macht Tetens das menschliche Bewusstsein zu so einer naturgesetzlichen Anomalie, da der Geist willkürlich, unvorhersehbar und unerklärbar zu agieren imstande sein soll.

Ex machina

(D) Um uns als vernünftige Personen verstehen zu wollen, könnten wir uns nämlich "nicht als Automaten verstehen, deren jeweiliges Verhalten durch Anfangsbedingungen und Gesetze in allen Einzelheiten" determiniert sei. Sobald eine menschliche Person vollständig und prognostisch zutreffend als Automat beschrieben und ihr Verhalten erklärt sei, könne "niemand diese Person mehr als vernünftiges, autonomes Ich-Subjekt anerkennen und ernstnehmen. [...] Wenn Gott uns Menschen vernünftig denkt und will, dann denkt und will er uns als im Prinzip vernunftbegabte Personen. Dann kann er uns nicht gleichzeitig als Automaten denken und wollen. Beides schließt sich logisch-begrifflich aus, und etwas Widersprüchliches denkt und will Gott nicht." [1,S.44f]

Tetens benutzt hier den Begriff des "Automaten" als Dennettsche Intuitionspumpe. Es will sich schließlich niemand mit einem dummen Kaffeeautomaten vergleichen lassen. Dabei führt selbst die demgegenüber anspruchsvollere Analogie zwischen Computer und Gehirn in die Irre, denn eine Turingmaschine hat einen abzählbaren Zustandsraum, während ein Molekül irgend einen Zustand einer nicht abzählbaren Menge annehmen kann [48,S.60]. Falls die Quantenmechanik vollständig ist, brauchen naturgesetzliche Ereignisse im Übrigen nicht deterministisch sein. Es gibt dann auch objektiv zufällige Ereignisse, deren statistischer Charakter sich jedoch sehr genau mathematisch beschreiben und messen lässt. Automaten sind außerdem menschliche Artefakte und nicht wie das menschliche Gehirn durch einen Millionen Jahre dauernden Evolutionsprozess entstanden. Im Gegensatz zu dem, was wir üblicherweise unter einem Automaten verstehen, besteht das menschliche Gehirn auch nicht aus starr verschalteten Komponenten, sondern ist plastisch, d.h. es verändert ständig seine Struktur.

Tetens versichert weiter, dass mentale Eigenschaften nicht einmal stark (im Sinne von prinzipieller Unerklärbarkeit) aus physischen Eigenschaften emergieren könnten, da es dann Korrelationen zwischen physischen und mentalen Eigenschaften gebe. Da zumindest Gott dann alle Korrelationen kenne, könnte er mit ihrer Hilfe aus Beschreibungen der physischen Zustände zugleich alle mentalen Zustände voraussagen. Wolle der Theismus mit menschlicher Freiheit vereinbar sein, müsse er behaupten, dass das Mentale nicht über dem Physischen superveniere, in welcher Form auch immer, sondern dass jeder mentale Zustand lediglich notwendige "beliebig grobschlächtige" physische Bedingungen der Möglichkeit seiner intersubjektiven Mitteilung habe [1,S.45f].

Damit schließt Tetens jegliche physische Erzeugung mentaler Eigenschaften kategorisch aus und postuliert eine weitgehende Unabhängigkeit des "freien Willens" von körperlichen Funktionen durch eine Art Gespenst im Körper. Wesentlich geht es ihm dabei um die absolute Nichtvorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens auch durch eine allmächtige Wesenheit. Der Geist fällt damit aus der Natur heraus und wird zu einer übernatürlichen Entität, die unvorhersehbar und unerklärbar außerhalb der Naturgesetzlichkeit agiert. Dass der Mensch außerhalb der biologischen Evolution steht, wird durch die Ergebnisse der evolutionären Anthropologie [47] jedoch kaum gestützt.

Das Böse

Dem allmächtigen Wesen wird in der christlichen Tradition zugleich auch Allgüte zugeschrieben, wodurch das Theodizee-Problem der Existenz von Üblen in der Welt angesichts des allmächtigen Schöpfers entsteht. Um die durch Homo sapiens verursachten Übel zu erklären und den Widerspruch zwischen Allmacht und Allgüte zu entschärfen, wird manchmal auf den "freien Willen" verwiesen. Auch Tetens rekurriert darauf und fügt hinzu, dass Gott zwar "Entscheidungsfreiheit grundsätzlich will und respektiert" und uns daher nicht als "moralisch fehlerfreie Automaten" denke, aber wo wir uns falsch entscheiden würden, ließe Gott das nur zu, wollte es jedoch nicht [1,S.47].

Da Tetens "Geistiges" und "Materielles" streng separiert ("Etwas von einer geistigen Ich-Perspektive und geistigen Zuständen Verschiedenes ist etwas Physisches oder Materielles" [1,S.31]), vertritt er offenkundig eine dualistische Position, die geprägt ist "durch die Annahme eines freischwebenden immateriellen Geistes, der kausal auf die Körperwelt einwirkt." [49] Es dürfe insbesondere keine "Korrelationen zwischen mentalen und physischen Eigenschaften" geben, d.h. dass Willensakte weitgehend frei von physischen Bedingungen sein sollen. Da der behauptete immaterielle Geist jedoch Körper bewegt, muss er Energie erzeugen, wodurch die Energieerhaltung in der materiellen Welt verletzt wird. Wenn der Energieerhaltungssatz wahr ist, wovon man gegenwärtig ausgeht, bezeichnet man dies seit Hume als Wunder. Das steht im Widerspruch zur zweiten Tetens'schen Rationalitätsbedingung, die Wunder gerade ausschließt.

Die Proponenten des Konzeptes der Willensfreiheit sind sich im übrigen nicht einig, ob deswegen immaterielle Entitäten angenommen werden müssen. Hierzu schreibt Geert Keil [49]: "Tatsächlich ist das Anderskönnen des Libertariers kein Anderskönnen gegenüber einem aktuellen physiologischen Geschehen, das wäre absurd, sondern es ist ein Anderskönnen bei gegebener Vorgeschichte. Niemand kann die Gegenwart anders sein lassen, als sie nun einmal ist. Es geht vielmehr darum, ob ein Handelnder die Welt von einem gegebenen Punkt an auf mehr als eine Weise weiterverlaufen lassen kann."

Alle libertarischen Freiheitskonzeptionen haben bislang allerdings einen Defekt: Eine indeterministische Freiheit lässt sich nämlich nicht vom Zufall unterscheiden. Dies unterbricht die Kausalbeziehungen zwischen einer Entscheidung und den Präferenzen der entscheidenden Person, wodurch keine Verbindung zwischen der Person und ihrer Entscheidung mehr besteht. Zufall führt daher nicht zu mehr Freiheit sondern verhindert nur die Zuschreibbarkeit einer Entscheidung [50].

Phase IV

(C) Um die menschlich verursachten Übel in der Welt mit göttlicher Allmacht und Allgüte vereinbaren zu können, propagiert Tetens den absolut indeterminierten "freien Willen". Damit dem Schöpfer dennoch bleibende Souveränität über seine Schöpfung zugeschrieben werden kann, postuliert Tetens [1,S.47ff], dass die Schöpfung unvollendet sei. Der Schöpfer hätte einen enormen Handlungsspielraum, indem er "die bereits etablierten Naturgesetze um passende Emergenz[..]gesetze ergänzen [könne], die logisch-begrifflich nicht aus den bisher geltenden Naturgesetzen folg[t]en, die sie deshalb aber auch nicht außer Geltung setz[t]en. [...] Deshalb folg[e] insgesamt, dass die beiden genannten Handlungsoptionen Gott genüg[t]en, um seine Schöpfung trotz allem am Ende gut werden zu lassen. [...] Gott [träte] in eine wirkliche Geschichte mit den Menschen ein. Der Ausgang dieser Geschichte [liege] jetzt keineswegs schon fest. Vielmehr interagier[e] Gott in dieser Geschichte mit den Menschen durch starke Emergenz."

Wir erinnern uns, dass Tetens starke Emergenz als prinzipielle Unerklärbarkeit gewisser Eigenschaften von Systemen auf der Grundlage der Beschreibung ihrer Elemente versteht. Tetens folgt demnach einem Argumentationsschema, das unter dem Namen "Gott in der (Erklärungs)Lücke" bekannt ist. Hierbei wird bei einer Wissenslücke der Einfluss des Göttlichen unterstellt. Etwa: Man weiß nicht, wie das Leben auf der Erde entstanden ist, und deswegen muss es von Gott geschaffen sein. Es handelt sich um eine Spezialform des Arguments aus Unwissenheit [51], etwa: Man weiß nicht, wie die Pyramiden gebaut wurden, deshalb müssen Außerirdische mitgeholfen haben.

Interstellar

Als "Kernthese des theistischen Idealismus" postuliert Tetens Gott als unendliches vernünftiges Ich-Subjekt, der insbesondere "uns Menschen als vernunftfähige endliche Ich-Subjekte" schaffe [1,S.52]. Im Gegensatz zum Naturalismus, der in dieser Hinsicht explanatorisch versage, könne die theistische Kernthese nun folgende empirischen Befunde erklären [1,S.53]:

(A)
Warum wir Menschen als erlebnisfähige, selbstreflexive Ich-Subjekte in der materiellen Welt heimisch werden müssten,
(B)
warum wir materiell verkörperte Ich-Subjekte seien,
(C)
warum zur Erfahrungswelt immer auch Phänomene starker Emergenz gehörten,
(D)
warum aber das Mentale noch nicht einmal stark aus dem Physischen emergiere, sondern lediglich notwendige physische Bedingungen habe,
(E)
warum die Welt prinzipiell durch vernünftige Wesen erkennbar sei.

Nun folgt, was Tetens eine "kosmologische Argumentation" nennt:

  1. Sowohl der Naturalismus als auch der theistische Idealismus seien mit den Ergebnissen der Wissenschaften verträglich.
  2. Der Theismus liefere aber Antworten zur "Frage nach dem Verhältnis des Geistigen zum Materiellen", die der Naturalismus jedoch nicht liefern könne.
  3. Daher stelle die theistische Kernthese "eine stärkere Möglichkeit dar als die naturalistische Kernthese."

Zunächst sind (A) und (B) nicht ganz einfach zu unterscheiden. Was soll "in der materiellen Welt heimisch werden" von "materiell verkörpert sein" genau unterscheiden? Tetens fasst seine Argumente im "kosmologischen" Abschnitt nicht noch einmal zusammen, so dass sie aus seinem davor präsentierten Text rekonstruiert werden müssen:

(A)
Wir Menschen müssten als Ich-Subjekte in der materiellen Welt heimisch werden, da wir uns auf andere Menschen als Ich-Subjekte nur indirekt, vermittelt über etwas Anderes beziehen könnten. Dieses Andere sei das "Physische". Mithin müssten uns andere Ich-Subjekte vermittelt über Materie begegnen [1,S.30].
(B)
Wir seien materiell verkörperte Ich-Subjekte, da Materie die Bedingung der Möglichkeit intersubjektiver Begegnung sei und ohne sie unsere Mitmenschen gar nicht als endliche Ich-Subjekte in der intersubjektiven Beobachterperspektive zugänglich wären [1,S.32].
(C)
Zur Erfahrungswelt gehörten immer auch Phänomene starker (unerklärbarer) Emergenz, da Homo sapiens Gottes Schöpfung fortgesetzt verderbe und Gott daher mit seiner Schöpfung (noch) nicht zufrieden sein könne. So müsste Gott die physische Welt mit Hilfe starker Emergenz auf immer neue Weise fortschreiben, so dass trotz allem am Ende alles gut werde [1,S.47].
(D)
Mentale Eigenschaften dürften nicht einmal stark (prinzipiell unerklärbar) aus physischen Eigenschaften emergieren (entstehen), da es dann Korrelationen zwischen physischen und mentalen Eigenschaften gebe, woraus zumindest Gott Vorhersagen über menschliches Verhalten ableiten könne. Dies könne aber nicht der Fall sein, da Gott uns als vernunftbegabte Personen mit unbeschränkter Freiheit und unvorhersagbar autonomem Verhalten denke [1,S.44].
(E)
Die physische Welt sei prinzipiell durch vernünftige Wesen erkennbar, da Materie zum intersubjektiv zugänglichen Ausdruck des Geistes werden solle und daher erkannt werden müsste. Gott müsse deswegen die Natur durch Gesetze bestimmt denken, die die Menschen in endlich vielen Schritten durch experimentelle Forschung auch erkennen könnten [1,S.42].

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Zu 1: Ist der theistische Idealismus tatsächlich mit den Ergebnissen der Wissenschaften verträglich?

(D) ist nicht kompatibel mit der Physik, da ein immaterieller Geist Körper bewegen muss und daher der Energieerhaltungssatz verletzt wird. Des Weiteren ist (D) auch nicht kompatibel mit der Evolutionstheorie, da letztere unterstellt, dass der Evolutionsprozess hin zu Homo sapiens physisch über die Veränderung und Selektion von Genen realisiert ist. (D) bagatellisiert ("grobschlächtig", "keine auch nur im Ansatz soliden empirischen Hinweise" [1,S.26]) außerdem die überwältigend vielen wissenschaftlichen Hinweise auf komplexes physisches Geschehen im Gehirn, das aufs engste mit mentalen Phänomenen verknüpft ist.

Zu 2: Hat der theistische Idealismus gegenüber dem Naturalismus mehr Erklärungskraft?

(A+B) basieren auf der unstrittigen Unterscheidung zwischen Innen- und Außenperspektive und ordnen dieser Dichotomie die Begriffe Geist und Materie zu. Die Begriffszuweisung wird von Tetens nun noch transzendental veredelt, indem er Materie als "Bedingung der Möglichkeit intersubjektiver Begegnung" definiert. Da "Geist" für Tetens aber eine immaterielle Entität darstellt, bleibt völlig ungeklärt, wie denn der Geist mit der Materie wechselwirkt. Im Übrigen ist das Konzept "Materie" im Rahmen eines rein panentheistischen Verständnisses von Intersubjektivität auch nicht notwendig, denn es wäre hinreichend, wenn Gott die Welt "simulierte" und die Wechselwirkungen der darin simulierten Ich-Subjekte über entsprechende Interfaces [52] realisierte. Somit bleibt unklar, was Tetens denn mit den zwei Feststellungen eigentlich erklärt.

Welche Tatsachen (C) erklären soll, bleibt weitgehend im Dunklen, denn Tetens gibt überhaupt kein Beispiel dafür an, was er unter den "Phänomenen starker Emergenz" genau versteht und ob sich derartige Phänomene bereits ausmachen lassen. Mentale Phänomene können es jedenfalls nicht sein, denn diese schließt er kategorisch aus.

(D) erklärt überhaupt nichts, denn der Begriff der unbedingten Freiheit, der sich vom Zufall nicht unterscheiden lässt, ist inkohärent, da er die notwendige Verbindung zwischen einer Entscheidung und der entscheidenden Person aufhebt.

In (E) erklärt Tetens die Erkennbarkeit der Welt durch göttlichen Willen. In der Wissenschaft wird die (partielle) Erkennbarkeit der Welt hingegen als evolutionäre Anpassung erklärt. Eine möglichst adäquate Kenntnis der Umwelt erhöht nämlich die Überlebenschancen, so dass die entsprechenden Gene an Nachkommen übergeben werden können.

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Eine wichtige Rolle in Tetens Argumentation spielt der Appell an das Nichtwissen [51]. Wissenschaftliche Evidenzen werden als unbedeutend dargestellt, indem unzulässig hohe Maßstäbe an wissenschaftliche Erklärungen angelegt werden. Diese "Lücke" füllt Tetens dadurch, dass er jeweils göttliche Eingriffe postuliert. Die Annahme der Einwirkung allmächtiger göttlicher Kräfte erklärt aber generell nichts, da sie beliebiges "erklären" kann.

Tetens "kosmologische Argumentation" steht in einer langen Tradition kosmologischer "Gottesbeweise" von Platon über Thomas von Aquin bis heute, in denen für den ersten Beweger, die erste Ursache, den notwendigen Urgrund, das höchste Gute, den ordnenden Geist, den Gesetzgeber der Welt oder den Urheber aller Information argumentiert wird. Diese Beweise wurden alle widerlegt. Tetens behauptet allerdings nicht, einen neuen Gottesbeweis vorgelegt zu haben, sondern nur, dass seine theistische Kernthese eine "stärkere Möglichkeit" darstellt als naturalistische Kernthesen. Dieses Ziel verfehlt er aber, da er seine selbst gesetzten Anforderungen nicht erfüllen kann. Der theistische Idealismus ist zum einen nicht mit den Ergebnissen der Wissenschaften verträglich und liefert zum anderen auch keine spezifischen Antworten zur "Frage nach dem Verhältnis des Geistigen zum Materiellen".

Literatur

[1] Holm Tetens: "Gott denken: Ein Versuch über rationale Theologie", Reclam, 2015

[2] "Noether-Theorem", Wikipedia

[3] "Münchhausen-Trilemma", Wikipedia

[4] "Charles Darwin", Wikipedia

[5] "Xanthopan_morganii", Wikipedia

[6] "Und es überkreuzt sich doch", FAZ

[7] "Reactions_to_On_the_Origin_of_Species", Wikipedia

[8] "Objections to evolution", Wikipedia

[9] "Evolution und Religion - Sorry, Darwin", Süddeutsche Zeitung

[10] "Good religion needs good science", Revd Dr Malcolm Brown, Director of Mission and Public Affairs, churchofengland.org

[11] "Parapsychologie", Wikipedia

[12] Martin Mahner: "Der Tod der Parapsychologie", Skeptiker 2/2010, gwup.org

[13] Inge Hüsgen und Wolfgang Hell: "Parapsychologie ", gwup.org

[14] Martin Mahner: "Die Psi-Tests der GWUP 2009", Skeptiker 3/2009, gwup.org

[15] "Heiler im Härte-Test", taz.de

[16] Bernd Kramer: "Die Geisterjäger", zeit.de

[17] "Psi Test 2014 GWUP", ZDF heute nacht, youtube.com

[18] Simon Singh, Edzard Ernst, Klaus Fritz: "Gesund ohne Pillen - was kann die Alternativmedizin?", Hanser, 2009

[19] "Homöopathie", Wikipedia

[20] "Homöopathie", gwup.org

[21] "Fragen und Antworten zur Homöopathie", gwup.org

[22] Stefan Schmitt: "Fürbitten für Kranke: Beten bis zum Tod", spiegel.de

[23] "Spiritismus", Wikipedia

[24] "Gehirn", Wikipedia

[25] "Transkranielle Magnetstimulation", doccheck.com

[26] "Transkranielle Magnetstimulation", Wikipedia

[27] Thielscher et al.: "Funktionelle Magnetresonanztomographie und transkranielle Magnetstimulation: wie die Kombination zweier Methoden neue Rückschlüsse über die Funktionsweise des Gehirns erlaubt", Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik , Tübingen, 2006, PDF

[28] "Spracherkennung aus Gehirnströmen", Karlsruher Institut für Technologie

[29] "Software rekonstruiert gesehene Filmaufnahmen", netzwelt.de

[30] "Movie reconstruction from human brain activity", youtube.com

[31] Nishimoto et al, "Reconstructing Visual Experiences from Brain Activity Evoked by Natural Movies", Elsevier, Current Biology 21, Issue 19, 1641–1646, 2011, PDF abstract

[32] Sanders, "Scientists decode brain waves to eavesdrop on what we hear", Berkeley News, 2011, berkeley.edu

[33] Pasle et al.: "Reconstructing Speech from Human Auditory Cortex", PLoS Biol 10(1): e1001251. doi:10.1371/journal.pbio.1001251, 2012, plos.org

[34] Mitchell et al.: "Predicting Human Brain Activity Associated with the Meanings of Nouns", Science 320, 1191-1195, 2008, Carnegie Mellon University

[35] Mitchell et al.: "Learning to Decode Cognitive States from Brain Images", Machine Learning, 57, 145–175, 2004, Carnegie Mellon University

[36] Shinkareva et al.: "Using fMRI Brain Activation to Identify Cognitive States Associated with Perception of Tools and Dwellings", PLoS ONE 3(1): e1394. doi:10.1371/journal.pone.0001394, 2008, plos.org

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[40] Robert D. Martin: "Hirngröße und menschliche Evolution", spektrum.de

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[43] "Musgrave's realism", Wikipedia

[44] "Analytische Ontologie", Wikipedia

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[46] "Allmachtsparadoxon - Essenzielle_Allmacht", Wikipedia

[47] "Aktuelle News von MPI für evolutionäre Anthropologie", analytica-world.com

[48] Mario Bunge, "The Mind-Body Problem", Pergamon, 1980.

[49] Geert Keil: "Wir können auch anders. Skizze einer libertarischen Konzeption der Willensfreiheit", PDF

[50] Manfred F. Körkel: "Freier Wille - ein Widerspruch?", feodor.de

[51] "Argumentum_ad_ignorantiam", Wikipedia

[52] "Objektorientierung", Wikipedia