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Kants Apriori - Teil 1

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Skeptischer Angriff

In seiner Abhandlung über die menschliche Natur stellte David Hume1 fest, dass sich die von unseren Wahrnehmungen unabhängige Existenz der Außenwelt2 nicht rational begründen lasse. Nach Hume können nur die Sinne als Quelle unserer Kenntnisse über die Außenwelt dienen. Die Sinne liefern uns jedoch lediglich Bewusstseinsinhalte3 ohne den geringsten Hinweis darauf, dass diese Vorstellungen auch von etwas außerhalb ihrer selbst verursacht werden.

Transzendentale Abwehr

Immanuel Kant reagierte auf die skeptischen Argumente Humes, indem er die Unzugänglichkeit der realen Außenwelt4 (des "Dings an sich") anerkannte. Eine radikale Transformation der rationalistischen Metaphysik sollte letztere schließlich ganz aus der Schusslinie der empiristischen Kritik nehmen5. Kant versichert, dass über die subjektunabhängige Realität nichts gelernt werden könne, zugänglich seien alleine (Sinnes)Erscheinungen, d.h. Vorstellungen6. Hinsichtlich der Sinneserscheinungen wird lediglich angenommen, dass sie vom "Ding an sich" transzendent (d.h. auf prinzipiell unbekannte Weise) "affiziert" werden. Sonst gibt es im kantschen System keinerlei Zusammenhang zwischen der Realität und den Sinneserscheinungen. In allen empirischen Phänomenen finden sich nach Kant Aspekte wie die Formen der Anschauung (Raum, Zeit) und die Formen des Urteils (Kategorien), die das Subjekt in die Phänomene hineinträgt7. Diese Aspekte erscheinen ihm als Eigenschaften der (vorgestellten) Objekte selbst. Die Anschauungsformen und Kategorien gehen der Erfahrung voran, sie sind "a priori", d.h. unabhängig von der Erfahrung.

Idealistische Apodiktik

Zwar hat die subjektunabhängige Realität nun fast keine Bedeutung mehr. Weil aber die zugänglichen Phänomene durch subjektseitige Anschauungsformen und Kategorien geprägt sind, kann laut Kant einiges über sie a priori gewusst werden, etwa ihre Raumzeitlichkeit oder das Bestehen von Kausalität. Diese "Umänderung der Denkart" meint Kant in der "Kritik der reinen Vernunft" "apodiktisch bewiesen"8 zu haben. Kant zufolge gilt ein Urteil a priori, wenn es erstens "zugleich mit seiner Notwendigkeit" und zweitens "in strenger Allgemeinheit gedacht"9 wird. Die "Kritik" sollte kein wissenschaftliches System sondern eine methodische Abhandlung10 sein. Darin seien Hypothesen "verbotene Ware"11 und die von "aller Erfahrung abgesonderte Vernunft" könne "alles nur a priori und als notwendig oder gar nicht erkennen." Daher sei "das Urteil der Vernunft niemals Meinung"12.

Eine Anwendung dieser kritischen Methode demonstrierte Kant in den "Metaphysische[n] Anfangsgründe[n] der Naturwissenschaft"13. Kant definiert Wissenschaften dort als "ein nach Prinzipien geordnetes Ganzes der Erkenntnis". Eigentliche Wissenschaft könne nur diejenige genannt werden, deren Gewissheit apodiktisch sei. Den Namen einer Naturwissenschaft verdiene eine Lehre nur dann, wenn die Naturgesetze, die ihr zugrunde lägen, auch a priori erkannt seien14.

Neuzeitlicher Faktencheck

Die kantschen Verstandesprinzipien lassen sich als Versuch interpretieren, die Grundvoraussetzungen empirischer Wissenschaft, speziell der Physik, zu analysieren. Scholz15 und Vollmer16 nennen folgende Prinzipien:

Prinzip: Anwendbarkeit der euklidischen Geometrie17
Kategorie: Quantität
Formulierung: Die euklidische Geometrie kann und muss für eine exakte Beschreibung beliebiger physikalischer Zustände oder Prozesse Verwendung finden18.
Status: Die allgemeine Relativitätstheorie sagt jedoch eine Krümmung der Raumzeit voraus. Tatsächlich erscheinen die Nullgeodäten, auf denen sich Licht bewegt, nahe großer Massen im Raum gekrümmt.

Prinzip: Anwendung der höheren Analysis, Kontinuität19
Kategorie: Qualität
Formulierung: Physikalische Größen (z.B. Geschwindigkeit) können durch stetige Funktionen dargestellt werden.
Status: Quantenmechanisch beschriebene atomare Übergänge erfolgen jedoch sprunghaft.

Prinzip: Klassische Zeitvergleichung20
Kategorie: Wechselwirkung und Kausalität
Formulierung: Es gibt eine absolute Gleichzeitigkeit und eine absolute, kausalbedingte Zeitordnung.
Status: Dies ist durch die spezielle Relativitätstheorie widerlegt: Finden in einem Inertialsystem21 zwei Ereignisse an verschiedenen Orten gleichzeitig statt, so geschehen diese Ereignisse in einem dazu bewegten Inertialsystem zu verschiedenen Zeiten.

Prinzip: Massenerhaltung22
Kategorie: Substanz
Formulierung: Jedes physikalische Objekt hat Masse und seine Masse bleibt zeitlich konstant23.
Status: Nach der speziellen Relativitätstheorie hängt die Masse jedoch von der Geschwindigkeit ab. Des weiteren kann sich die Ruhemasse durch radioaktive Prozesse verändern.

Prinzip: Störungsfreie Beobachtbarkeit (implizit vorausgesetzt24)
Formulierung: Es ist möglich, physikalische Objekte so zu beobachten, dass sie nicht gestört werden oder dass man ihren ungestörten Zustand eindeutig ermitteln kann.
Status: Bei der messtechnischen Untersuchung quantenmechanischer Systeme werden nur die (apparativ verstärkten) makroskopischen Folgen von quantenmechanischen Wechselwirkungen "beobachtet". Keinesfalls lassen sich Quanten störungsfrei beobachten. Wegen der Unschärferelation ist z.B. die Messung des Impulses eines Teilchens zwangsläufig mit einer Störung seines Ortes verbunden.

Prinzip: Kausale Bestimmtheit25
Kategorie: Kausalität
Formulierung: Alle physikalischen Prozesse müssen durch Kausalgesetze (d.h. durch quantitative deterministische Ablaufgesetze) beschrieben werden.
Status: Aus der quantenmechanisch beschriebenen Physik atomarer und subatomarer Teilchen kennt man jedoch zufällige Ereignisse, die sich durch stochastische Gesetze beschreiben lassen26. Es ist also nicht denknotwendig, dass Erkenntnisse über physikalische Ereignisse immer nach dem Schema von Ursache und Wirkung geordnet werden müssten27.

Gegenstände wider den Verstand

Es stellt sich heraus, dass Kants Verstandesprinzipien den Prinzipien der newtonschen Physik entsprechen28. Kants Interpretation der newtonschen Physik als endgültige Theorie war zu seiner Zeit hoch plausibel, daher stellte der Versuch einer apriorischen Begründung ihres Kerns ebenfalls ein plausibles Programm dar. Ca. 180 Jahre später zeigte sich29 jedoch, dass die newtonsche Physik keineswegs apodiktisch gültig ist, sondern nur noch eine gute Näherung für mittlere Dimensionen liefert30. So gehen die Relativitätstheorie und die Quantenphysik im Alltagsbereich zwar in die newtonsche Physik über31 und die Raumzeitkrümmung strebt für kleine Geschwindigkeiten gegen null32. Das ändert jedoch nichts daran, dass die newtonsche Theorie heute nicht mehr als apodiktisch gültig anzusehen ist. In der Vorrede der B-Auflage der "Kritik" schlug Kant vor, dass "die Gegenstände [...] sich nach unserem Erkenntnis richten" müssten33. Diesbezüglich bleibt jedoch festzuhalten, dass sich die (physikalischen) Gegenstände offenbar nicht nach Kants damaliger Erkenntnis richten.

Kant hat nicht nur für die Verstandesprinzipien sondern auch für seine transzendentalphilosophische Generallösung apodiktische Geltungssicherheit unterstellt. Denn es wäre eine Ungereimtheit - so Kant - "in einer Metaphysik, einer Philosophie aus reiner Vernunft, seine Urteile auf Wahrscheinlichkeit und Mutmaßung gründen zu wollen. Alles, was a priori erkannt werden soll, wird eben dadurch für apodiktisch gewiß ausgegeben, und muß also auch so bewiesen werden."34 Hans Albert bemerkte, dass das klassische Begründungsdenken in der neueren Philosophie zwar oft in Frage gestellt würde, jedoch mit einer Ausnahme bei Kant: Mit dem Transzendentalansatz könne eine bessere Lösung des Begründungsproblems insofern erreicht werden, als sie mit den Schwächen des alten Rationalismus nicht belastet sei. Unverkennbar aber sei, dass Kants Auffassung kaum anders aufzufassen sei "als im Sinne einer besonderen Version des klassischen Begründungsdenkens."35

Transzendentale Beweismethode?

Malte Hossenfelder36 und Holm Tetens37 zeigen allerdings, dass Kants Beweis des Raums als reine Anschauungsform des Subjekts zirkulär ist38. Hossenfelder stellt ferner dar, dass Kants Beweis der spontanen Synthesis fehlerhaft ist und dass weder der Anschauungsidealismus noch die Synthesislehre taugliche Prämissen zum Beweis der Möglichkeit wahrer Gesetzesaussagen oder der "Transzendentale[n] Deduction der reinen Verstandesbegriffe"39 abgeben.

In der "transzendentalen Deduktion" versucht Kant zu beweisen, dass "subjektive Bedingungen des Denkens" "objektive [d.h. notwendige und allgemeine] Gültigkeit haben" und damit als die "Bedingungen der Möglichkeit aller Erkenntnis der Gegenstände"40 aufzufassen sind. Mit den "subjektiven Bedingungen des Denkens" ist der regelbasierte Begriffsgebrauch in Urteilen gemeint. Aufgabe der transzendentalen Deduktion ist es zu zeigen, dass subjektive Wahrnehmungsurteile mit Hilfe der Kategorien in objektive Erfahrungsurteile umgewandelt werden. Kategorien sind konstitutiv für Erfahrung und bilden nach Kant den Maßstab für objektive Erfahrung.

Ein vollständiger Beweis hätte nach Hossenfelder wie folgt aussehen müssen: "Nachdem sich als Bedingung der Möglichkeit des Selbstbewußtseins die durchgängige synthetische Einheit aller meiner Vorstellungen ergeben hatte, hätte begründet werden müssen, daß diese Einheit ausschließlich eine objektive (notwendige und allgemeingeltende) sein müsse. Dann hätte aus dem bloßen Begriff einer solchen Einheit überhaupt die Urteilstafel als Tafel der Formen dieser Einheit analytisch abgeleitet und ihre Vollständigkeit bewiesen werden müssen. Darauf hätte erklärt werden müssen, inwiefern schon die Anwendbarkeit der Urteilsformen als solcher voraussetzt, daß das gegebene Mannigfaltige an sich eine ihnen entsprechende Struktur besitzt, um so die Gültigkeit der Kategorien a priori zu sichern. Und schließlich hätte die Notwendigkeit der angegebenen Schematisierungen belegt werden müssen."41

Unzureichende Beweise

Hossenfelder stellt nun fest, dass Kant in der transzendentalen Deduktion zwar einen durchgehenden Begründungszusammenhang geliefert habe, dieser jedoch nicht zureichend sei, da er mehrere logisch voneinander unabhängige Lücken enthalte. So gäbe es keine vollständige Ableitung der Urteilsformen aus dem Begriff der Vorstellungseinheit. Es werde auch nicht bewiesen, dass die kantschen Urteilsformen auf jedes beliebige "Mannigfaltige"42 (d.h. sinnlich Gegebene) anwendbar seien. Ferner sei die These vom notwendigen Urteilscharakter der transzendentalen Apperzeption43 unbeweisbar. Wenn nämlich die ursprüngliche Einheit der Apperzeption eine objektive Einheit sei, so wäre eine nicht-objektive Einheit unmöglich, eine solche sei aber im Bewusstsein aber offenbar mit enthalten, wie z.B. in Frage oder Imperativ. Des weiteren führe ein Beweis der Notwendigkeit der schematisierten Kategorien auf den widersprüchlichen Begriff einer Anschauung a priori. Wenn die Notwendigkeit eines bestimmten Schemas bewiesen werden solle, müsse schließlich eine Anschauung a priori verfügbar sein, die alle den Bedingungen der zu schematisierenden Kategorie genügenden Einzelanschauungen enthalte, was jedoch undurchführbar sei. Die Möglichkeit, die Wahrheit einer Gesetzesaussage dadurch zu erkennen, dass man sich die Gesamtheit der Einzelfälle, die unter sie fallen, unmittelbar vergegenwärtigt, sei zweifellos ein Kernproblem des Bemühens um Sicherung apriorischer Erkenntnis, für das Kant laut Hossenfelder jedoch keine Lösung angeboten habe.

Hierzu seien einige weitere Stimmen zitiert:

  • Norman Smith44 meint in seinem Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, "that Kant flatly contradicts himself in almost every chapter; and that there is hardly a technical term which is not employed by him in a variety of different and conflicting senses. As a writer, he is the least exact of all the great thinkers."
  • Peter Strawson45 ist der Meinung, dass Kants transzendentaler Idealismus und seine Erklärung synthetisch-apriorischer Urteile unhaltbar seien.
  • Paul Guyer46 resümiert über Kantes Beweisgang: "Formally speaking, the transcendental deduction is a failure, and at best sets the agenda for the detailed demonstration of the role of the categories in the determination of empirical relations in space and specially time in the following sections of the Critique of Pure Reason."
  • Otfried Höffe47 meint: "Als Traktat über die Wissenschaften provoziert die Kritik [der reinen Vernunft] freilich den Einwand, wissenschaftlich überholt zu sein. Überholt ist in der Tat die Annahme einer exklusiven Gültigkeit von euklidischer Geometrie und newtonscher Physik samt deren deterministischer Kausalität."
  • Karen Gloy48 räumt ein, dass sowohl die Mathematik als auch die Naturwissenschaften weit über Kant hinausgegangen sind und seine Resultate überholt haben. Damit seien Kants spezifische Anschauungsformen und Kategorien nicht mehr geeignet, Naturwissenschaft im strengen Sinne apodiktisch zu begründen. So sei z.B. die durch die Relativitätstheorie erfolgte Kritik am kantsche Gesetz der allgegenwärtigen Gleichzeitigkeit definitiv, wenn das Gesetz mehr sein solle als eine ideelle Konstruktion.
  • Der dem Apriorismus freundlich eingestellte Holger Lyre49 schreibt: "Angesichts des historischen Scheiterns des konkreten kantischen Programms der Metaphysischen Anfangsgründe müsste in jedem Falle wohl ein spezieller Anspruch Kants zurückgenommen werden: Dass Kant offenbar der Meinung war, man könne die Systematik der reinen Verstandesbegriffe transzendental, und mithin aus dem philosophischen Lehnstuhl, zweifelsfrei deduzieren, ist schwerlich mit dem historischen Scheitern seines angebundenen naturphilosophischen Programms vereinbar."

Fragwürdige Beweismöglichkeit

Von Leonard Nelson50 stammt der generelle Einwand, dass eine Erkenntnistheorie sich ohnehin in ein Begründungsparadoxon verstricken müsse, da sie selbst auch ihre eigene Wahrheit zu begründen habe, wenn sie wissenschaftlichen Ansprüchen genügen solle. Ähnlich konstatiert auch Thomas Grundmann51, dass transzendentale Argumente synthetische Wahrheiten über die Welt a priori rechtfertigen sollen und dies mittels einer Theorie über notwendige Bedingungen empirischer Repräsentation zu tun versuchen. Hierbei werde jedoch ein grundsätzliches Problem aufgeworfen, für das keine schnelle Lösung in Sicht sei. Die Theorie der Repräsentation, mittels derer synthetische Sätze über die Welt gerechtfertigt werden sollen, sei nämlich selbst eine synthetische Theorie mit Implikationen über den Zusammenhang von Geist und Welt, und sie bedürfe ihrerseits einer Rechtfertigung, die nur a priori sein könne. Dadurch hingen transzendentale Argumente jedoch von derselben Art von Rechtfertigung ab, die sie eigentlich erst ermöglichen sollen.

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  1. David Hume, "Treatise of Human Nature", Abschnitt 1.4.2, "Of scepticism with regard to the senses", wikisource ↩︎

  2. Problem der Außenwelt bei David Hume, Wikipedia ↩︎

  3. Humes Begriff "perception" lässt sich nach Claus Beisbart näherungsweise als "Bewußtseinsinhalt" übersetzen. ↩︎

  4. Kantianer sind teilweise der Meinung, dass die außergeistige Realität nicht mit dem Wort "Außenwelt" bezeichnet werden dürfe, da "Welt" grundsätzlich phänomenal bzw. mental verstanden werden müsse. Der inkriminierte Sprachgebrauch ist dennoch durchaus üblich. Wenn sich also Kantianer und Nichtkantianer über die Außenwelt unterhalten sind Missverständnisse hoch wahrscheinlich. Siehe dazu auch die Artikel Kant und das Problem der Außenwelt und Kants transzendentaler Idealismus sowie Kant verstehen und Unzulässige Begriffsdefinition?↩︎

  5. Paul Hoyningen-Huene, Vorlesung "Einführung in die theoretische Philosophie", Leibniz Universität Hannover, WS 2013/14, 12.11.2013, youtube.com ↩︎

  6. "Wir haben in der transscendentalen Ästehtik hinreichend bewiesen: daß alles, was im Raume oder der Zeit angeschauet wird, mithin alle Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung nichts als Erscheinungen, d.i. bloße Vorstellungen, sind, die so, wie sie vorgestellt werden, als ausgedehnte Wesen oder Reihen von Veränderungen, außer unseren Gedanken keine an sich gegründete Existenz haben", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Der transscendentale Idealism als der Schlüssel zu Auflösung der kosmologischen Dialektik", 2. Aufl., 1787, Akademieausgabe III S.338. ↩︎

  7. "Die Ordnung und Regelmäßigkeit also an den Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein und würden sie auch nicht darin finden können, hätten wir sie nicht oder die Natur unseres Gemüths ursprünglich hineingelegt. [...] So übertrieben, so widersinnisch es also auch lautet, zu sagen: der Verstand ist selbst der Quell der Gesetze der Natur und mithin der formalen Einheit der Natur, so richtig und dem Gegenstande, nämlich der Erfahrung, angemessen ist gleichwohl eine solche Behauptung", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Von dem Verhältnisse des Verstandes zu Gegenständen überhaupt und der Möglichkeit diese a priori zu erkennen", 1. Aufl., 1781, Akademieausgabe IV S.92f. ↩︎

  8. "So verschafften die Centralgesetze der Bewegungen der Himmelskörper dem, was Copernicus anfänglich nur als Hypothese annahm, ausgemachte Gewißheit und bewiesen zugleich die unsichtbare den Weltbau verbindende Kraft (der Newtonischen Anziehung), welche auf immer unentdeckt geblieben wäre, wenn der erstere es nicht gewagt hätte, auf eine widersinnische, aber doch wahre Art die beobachteten Bewegungen nicht in den Gegenständen des Himmels, sondern in ihrem Zuschauer zu suchen. Ich stelle in dieser Vorrede die in der Kritik vorgetragene [...] Umänderung der Denkart [...] als Hypothese auf, ob sie gleich in der Abhandlung selbst aus der Beschaffenheit unserer Vorstellungen vom Raum und Zeit und den Elementarbegriffen des Verstandes [...] apodiktisch bewiesen wird", Kant: "Kritik der reinen Vernunft", 2. Auflage, Fußnote, S.14f, Akademieausgabe III S.14 ↩︎

  9. "Findet sich also erstlich ein Satz, der zugleich mit seiner Nothwendigkeit gedacht wird, so ist er ein Urtheil a priori; ist er überdem auch von keinem abgeleitet, als der selbst wiederum als ein nothwendiger Satz gültig ist, so ist er schlechterdings a priori. [...] Wird [...] ein Urtheil in strenger Allgemeinheit gedacht, d.i. so, daß gar keine Ausnahme als möglich verstattet wird, so ist es nicht von der Erfahrung abgeleitet, sondern schlechterdings a priori gültig.", Kant: "Kritik der reinen Vernunft", 2. Auflage, S.28f Akademieausgabe III S.28 ↩︎

  10. "In jenem Versuche, das bisherige Verfahren der Metaphysik umzüandern, und dadurch, daß wir nach dem Beispiele der Geometer und Naturforscher eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, besteht nun das Geschäfte dieser Kritik der reinen speculativen Vernunft. Sie ist ein Tractat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst", Kant: "Kritik der reinen Vernunft", 2. Auflage, S.15, Akademieausgabe III S.15 ↩︎

  11. "Was nun die Gewißheit betrifft, so habe ich mir selbst das Urtheil gesprochen: daß es in dieser Art von Betrachtungen auf keine Weise erlaubt sei, zu meinen und daß alles, was darin einer Hypothese nur ähnlich sieht, verbotene Ware sei, die auch nicht für den geringsten Preis feil stehen darf, sondern, so bald sie entdeckt wird, beschlagen werden muß", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Vorrede", 1. Aufl., 1781, Akademieausgabe IV S.11. ↩︎

  12. "Die von aller Erfahrung abgesonderte Vernunft kann alles nur a priori und als nothwendig, oder gar nicht erkennen; daher ist ihr Urtheil niemals Meinung", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Die Disciplin der reinen Vernunft in Ansehung der Hypothesen", 2. Aufl., 1787, Akademieausgabe III S.505. ↩︎

  13. "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft" bei Wikipedia ↩︎

  14. "Eine jede Lehre, wenn sie ein System, d. i. ein nach Principien geordnetes Ganze der Erkenntniß, sein soll, heißt Wissenschaft [...] Eigentliche Wissenschaft kann nur diejenige genannt werden, deren Gewißheit apodiktisch ist; Erkenntnis, die bloß empirische Gewißheit enthalten kann, ist ein nur uneigentlich so genanntes Wissen [...] Eine rationale Naturlehre verdient also den Namen einer Naturwissenschaft nur alsdann, wenn die Naturgesetze, die in ihr zum Grunde liegen, a priori erkannt werden und nicht bloße Erfahrungsgesetze sind. Man nennt eine Naturerkenntniß von der ersteren Art rein", Immanuel Kant: "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft", 1786, Akademieausgabe IV S.467f ↩︎

  15. Heinrich Scholz: "Einführung in die kantische Philosopie", in "Mathesis universalis", Schwabe, 1961, S.159ff. ↩︎

  16. Gerhard Vollmer: "Kant und die Evolutionäre Erkenntnsitheorie", in: "Was können wir wissen I", Hirzel, 1985, S.206ff. ↩︎

  17. "Alle Erscheinungen enthalten der Form nach eine Anschauung im Raum und Zeit, welche ihnen insgesammt a priori zum Grunde liegt. [...] Die empirische Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich; was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von jener, und die Ausflüchte, als wenn Gegenstände der Sinne nicht den Regeln der Construction im Raume (z. E. der unendlichen Theilbarkeit der Linien oder Winkel) gemäß sein dürfen, müssen wegfallen.", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Axiomen der Anschauung", 2. Aufl., 1787, Akademieausgabe III S.148ff. ↩︎

  18. Siehe auch "Kants Geometriekonzept retten?", feodor.de ↩︎

  19. "Das Princip derselben ist: In allen Erscheinungen hat das Reale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive Größe, d. i. einen Grad. [...] Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach continuirliche Größen sowohl ihrer Anschauung nach als extensive, oder der bloßen Wahrnehmung (Empfindung und mithin Realität) nach als intensive Größen.", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Anticipationen der Wahrnehmung", 2. Aufl., 1787, Akademieausgabe III S.151ff. ↩︎

  20. "Alle Substanzen, so fern sie im Raume als zugleich wahrgenommen werden können, sind in durchgängiger Wechselwirkung. Beweis. Zugleich sind Dinge, wenn in der empirischen Anschauung die Wahrnehmung des einen auf die Wahrnehmung des anderen wechselseitig folgen kann [...] So kann ich meine Wahrnehmung zuerst am Monde und nachher an der Erde, oder auch umgekehrt zuerst an der Erde und dann am Monde anstellen, und darum, weil die Wahrnehmungen dieser Gegenstände einander wechselseitig folgen können, sage ich, sie existiren zugleich.", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Grundsatz des Zugleichseins nach dem Gesetze der Wechselwirkung oder Gemeinschaft", 2. Aufl., 1787, Akademieausgabe III S.180ff. ↩︎

  21. Ein Inertialsystem ist ein Koordinatensystem, in dem sich kräftefreie Körper geradlinig und gleichförmig bewegen. ↩︎

  22. "Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Substanz, und das Quantum derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermindert.", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz", 2. Aufl., 1787, Akademieausgabe III S.162ff. ↩︎

  23. Siehe auch "Kants Substanzsatz retten?", feodor.de ↩︎

  24. So meint Kant, dass die Psychologie deswegen nicht einmal eine experimentelle Wissenschaft werden könne, weil "die Beobachtung an sich schon den Zustand des beobachteten Gegenstandes alteriert und verstellt", Kant: "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft", S.471, Akademieausgabe IV S.471 ↩︎

  25. "Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetze der Verknüpfung der Ursache und Wirkung.", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze der Causalität", 2. Aufl., 1787, Akademieausgabe III S.166ff. ↩︎

  26. Siehe auch "Kants Kausalitätssatz retten?", feodor.de ↩︎

  27. Es gibt zwar die deterministisch kausale aber nicht-lokale Interpretation der Quantenmechanik von de Broglie und Bohm, welche die Zufälligkeit über verborgene Parameter erklärt und die von einer Minderheit der Physiker vertreten wird. Ob diese Interpretation oder die klassische Zufallsinterpretation der Quantenmechanik nun zutrifft, ist hier nicht relevant, da es völlig reicht zu zeigen, dass absoluter Zufall denkmöglich ist, wodurch die generelle Ursache-Wirkung-Kausalität nicht mehr als apodiktisch notwendig gelten kann, siehe dazu "De-Broglie-Bohm-Theorie", Wikipedia ↩︎

  28. Heinrich Scholz, S.183:

    "Den Kategorien der Modalität entsprechen die drei Prinzipien"

    • "der physikalischen Möglichkeit: Ein Zustand oder Vorgang ist im physikalischen Sinne möglich dann und nur dann, wenn er den Grundvoraussetzungen der klassischen Physik (Kant: den formalen Bedingungen der Erfahrung) nicht widerspricht."
    • "der physikalischen Wirklichkeit: Ein Zustand oder Vorgang ist im physikalischen Sinne wirklich dann und nur dann, wenn er direkt oder indirekt (unter Einschaltung von so und so Viel physikalischer Theorie im Sinn der klassischen Physik) beobachtet werden kann (Kant: wenn er mit den materialen Bedingungen der Erfahrung zusammenhängt)."
    • "der physikalischen Notwendigkeit: Eine Konfiguration K2, ist im physikalischen Sinne notwendig in bezug auf die Konfiguration K1 dann und nur dann, wenn es ein Gesetz der klassischen Physik gibt, das besagt, daß die Konfiguration K1, die Konfiguration K2, stets zur Folge hat. (Kant: 'Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, existiert notwendig.')"

    "Man findet die drei vorstehenden Prinzipien bei Kant als die Postulate des empirischen Denkens überhaupt." ↩︎

  29. Empirische Prüfung der allgemeinen Relativitätstheorie, Wikipedia ↩︎

  30. Die Allgemeine Relativitätstheorie enthält das newtonsche Gravitationsgesetz als Grenzfall, Wikipedia ↩︎

  31. Das Korrespondenzprinzip beschreibt ein bestimmtes Verhältnis zwischen einer älteren naturwissenschaftlichen Theorie und einer neueren mit größerem Gültigkeitsbereich. Es liegt vor, wenn die neuere Theorie auf dem Gültigkeitsbereich der älteren zu denselben Ergebnissen kommt wie diese. Wikipedia ↩︎

  32. Raumzeitkrümmung in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit. Wikipedia ↩︎

  33. Kants kopernikanische Wende bei Wikipedia ↩︎

  34. Kant: "Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können", Akademieausgabe IV, S.369. ↩︎

  35. Hans Albert: "Traktat über rationale Praxis", Mohr Siebeck, 1978. ↩︎

  36. Malte Hossenfelder: "Kants Konstitutionstheorie und die transzendentale Deduktion", de Gruyter, 1978. ↩︎

  37. Holm Tetens: "Kants 'Kritik der reinen Vernunft': ein systematischer Kommentar", Reclam, 2006. ↩︎

  38. Siehe auch "Kants transzendentaler Idealismus", feodor.de ↩︎

  39. Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Transscendentale Deduction der reinen Verstandesbegriffe", 2. Aufl., 1787, Akademieausgabe III S.107ff ↩︎

  40. "Daher zeigt sich hier eine Schwierigkeit, die wir im Felde der Sinnlichkeit nicht antrafen, wie nämlich subjektive Bedingungen des Denkens sollten objektive Gültigkeit haben, d.i. Bedingungen der Möglichkeit aller Erkenntnis der Gegenstände geben", Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft - Transscendentale Deduction der reinen Verstandesbegriffe", 2. Aufl., 1787, S.102, Akademieausgabe III S.102 ↩︎

  41. Malte Hossenfelder: "Kants Konstitutionstheorie ...", S.165ff. ↩︎

  42. "Das Mannigfaltige der Empfindung ist der 'Stoff' der Anschauung, der durch Affektion der Sinnlichkeit dem Intellekt 'gegeben' ist, d.h. zur Verarbeitung, Verknüpfung, Bestimmung aufgegeben ist. Dieses Mannigfaltige stammt jedenfalls nicht aus dem Denken oder der Selbsttätigkeit des Intellekts, sondern ist durch du, 'Rezeptivität' des Bewußtseins, durch ein passiv-reaktives Modifiziertsein desselben bedingt", Rudolf Eisler: "Kant-Lexikon - Mannigfaltig", archive.org ↩︎

  43. "Die transzendentale oder reine Apperzeption ist das rein formale, ursprüngliche, stets identische Selbstbewußtsein, das alles Vorstellen und alle Begriffe begleitende und bedingende Bewußtsein des 'Ich denke', die Beziehung alles Vorstellbaren auf ein es befassendes, sich stets gleich bleibendes Bewußtsein. Die 'transzendentale Einheit' der Apperzeption (im Unterschiede von der empirisch-subjektiven, psychologischen Einheit der Apperzeption) ist objektiv; sie ist die Urbedingung aller Erkenntnis, aller Beziehung von Arten auf Objekte, aller Synthese, von Daten zur Einheit objektiver Erkenntnis, alles einheitlichen Zusammenhanges in einer Erfahrung überhaupt, aller 'Natur' und der allgemeinen Gesetze derselben", Rudolf Eisler: "Kant-Lexikon - transzendentale Apperzeption", archive.org ↩︎

  44. Norman Kemp Smith: "A Commentary to Kant's Critique of Pure Reason", Macmillan, 1918, S.XXIX, PDF ↩︎

  45. Peter F. Strawson: "The Bounds of Sense", Methuen, 1966, PDF ↩︎

  46. Paul Guyer: "The Transcendental Deduction of the Categories", in Guyer (Hrsg.): "The Cambridge Companion to Kant", Cambridge University Press, 1992, S.125–163. ↩︎

  47. Otfried Höffe: "Kants Kritik der reinen Vernunft: die Grundlegung der modernen Philosophie", Beck, 2003, PDF(Auszug) ↩︎

  48. Karen Gloy: "Kant und die Naturwissenschaften - ihre Bedeutung für die Gegenwart", in Lorenz (Hrsg): "Transzendentalphiosophie heute - Breslauer Kant-Symposium 2004", Königshausen & Neumann, 2007, S.39-58. ↩︎

  49. Holger Lyre: "Kants 'Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft': gestern und heute", Deutsche Zeitschrift für Philosophie 54, 2006, 3, 1–16, PDF ↩︎

  50. Leonard Nelson: "Die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie", in: Gerhard Hessenberg (Hrsg): 4. internationalen Kongress für Philosophie in Bologna, Vandenhoeck & Ruprecht, 1912, Bayerische Staatsbibliothek ↩︎

  51. Thomas Grundmann: „Was ist eigentlich ein transzendentales Argument?“, in D. Heidemann und K. Engelhard (Hrsg): "Warum Kant heute? Bedeutung und Relevanz seiner Philosophie in der Gegenwart", De Gruyter, 2003, S. 44-75 PDF ↩︎