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Philosophische Kapriolen

Anonymous

Eine konsequent naturalistische Haltung, die Theorien und Erfahrungen aus den Naturwissenschaften ernst nimmt, erfährt auch heute noch engagierte Kritik.

Als Beispiel hierfür mag ein ganzes Bündel von Attributen dienen, das ein anonymer Geisteswissenschaftler zur Qualifizierung dieser philosophischen Position kreierte:

...reiner Dogmatismus, philosophischer Nonsens, bloßes Glaubensbekenntnis, DDR-Ideologie, sinnfreies Werturteil, dogmatisches Geschwätz, zig-fach zerpflückt, irrelevant, obsolet, plump, bedeutungslos, Quatsch...

Was war der Zankapfel, der eine so mächtige Bewertungslawine auslösen konnte? Der Naturalismus geht davon aus, dass die Welt tatsächlich existiert, wir wohl nicht in der Matrix leben, die Naturgesetze gelten, wir Teil der Natur sind, Wunder sich nirgends finden lassen und bislang auch niemand überzeugende Hinweise auf Übernatürliches aufdecken konnte. Der philosophische Materialismus betont zusätzlich, dass Konstrukte wie etwa mathematische Aussagen nicht irgendwo im Weltall als immaterielle Ideen herumschweben und auf Entdeckung warten. Vielmehr konstruieren wir Mathematik, die sich bestens dazu eignet, Muster im Verhalten der Dinge zu beschreiben.

Freilich gibt es zahlreiche philosophische Gegenentwürfe. Da die verschiedenen Konzepte jedoch nicht alle zugleich gelten können, müssen wir uns entscheiden, am besten indem wir alle Positionen einer vergleichenden Kritik unterziehen.

"...Dolly Buster ist die aktuell schönste Frau der Welt. Der neue Ford Fiesta ist aktuell das schönste Auto der Welt und Heino ist der beste Sänger der Welt."

Auf diese Weise charakterisierte unser "Geistes"-Wissenschaftler eine Entscheidung zugunsten des Naturalismus, wie sie viele Naturwissenschaftler treffen. Für Biologen sind wir nämlich nicht die Schatten irgendwelcher Ideen. Auch dürfte kaum ein Hirnforscher davon ausgehen, dass über unseren Hirnen ein absoluter Geist schwebt.

Die Kaskaden der kraftvoll negativen Urteile unseres Diskursexperten führen uns unmittelbar zum Schopenhauerschen Eristik-Kunstgriff No 23 "Übertreibung provozieren": Durch Widerspruch soll der Gegner zur Ausweitung der These gebracht werden, so dass Bedingungen und Einschränkungen der These aufgehoben werden. Im letzteren Fall könnte danach Kunstgriff 1 greifen: Die Erweiterung der These würde widerlegt und zugleich damit die Widerlegung der These behauptet. Die Entgegnung, dass dies ein netter Versuch sei, kommentierte unser Sophist allerdings mit "Nicht 'nett' - sondern passend".

Ein Höhepunkt der Konversation war sicher der Verweis unseres Textekenners auf die gesammelten Werke von Joseph Stalin. Mit dem Taschenspielertrick der Homonymie sollte der philosophische Materialismus nicht nur mit dem dialektischen Materialismus Stalinscher Prägung verwechselt, sondern gleich auch noch in die Nähe von Stalins Schreckensherrschaft gerückt werden. Sowohl der Stalinismus als auch der Nationalsozialismus waren aber als politische Religionen mit je einem "Oberpriester" und "heiligen Schriften" Gegenentwürfe einer Gesellschaft, in der Konzepte frei verhandelt werden können. Letzteres ist in den Real- und Formalwissenschaften, aus denen sich der Naturalismus speist, jedoch unverzichtbare Praxis.

Wenig überraschend präsentierte sich unser Kritiker auch als zustimmender Freudrezipient: Die Tiefenpsychologie würde nämlich widerlegen, dass Denken eine Funktion unseres physischen Gehirns sei. Diese Argumentationsfigur enthält jedoch die unzutreffende Prämisse, dass die Freudsche Tiefenpsychologie überhaupt noch realwissenschaftliche Relevanz besitzt. Treffend bemerkt hierzu Thomas Städtler im "Lexikon der Psychologie", dass es wohl kaum ein Gebiet gibt, das dem Geist akademischer Psychologie konträrer ist als die Psychoanalyse.

Prominentia

Um Naturalismusbashing zu finden, brauchen wir allerdings nicht in die (Un-)Tiefen des anonymen Internets hinabzusteigen. Es reicht ein kurzer Blick in die etablierte philosophische Literatur. So schrieb etwa der brillant formulierende Peter Sloterdijk 2009 in "Philosophische Temperamente":

"Der Titel der vorgelegten Sammlung spielt unüberhörbar auf Fichtes bekannte Sentenz an: Welche Philosophie man wähle, hänge davon ab, was für ein Mensch man sei. Damit wollte er sagen: Die unterwürfigen Seelen entscheiden sich für ein naturalistisches System, das ihre Servilität rechtfertigt, während Menschen von stolzer Gesinnung nach einem System der Freiheit greifen. Diese Beobachtung ist so wahr wie eh und je."

Auf diese Weise veredelt Sloterdijk Beliebigkeit als Freiheit, verwechselt Fiktion mit Philosophie und identifiziert fehlende Ignoranz gegenüber den Ergebnissen der Realwissenschaften mit Unterwürfigkeit. Offenbar hat er vergessen, dass sich die in Schillers berühmten Brief formulierte Klage über "gemeine" oder "servile Naturnachahmung" auf die Kunst bezog, bei der schließlich freie Phantasie nicht nur erlaubt sondern auch erwünscht ist.

Bereits 1983 hatte Reinhard Merkel in seiner Rezension des Sloterdijkschen Werkes "Kritik der zynischen Vernunft" zum gleichen Thema festgestellt:

"Sloterdijk identifiziert etwa den Rationalismus der Aufklärung als Triebkraft einer zunehmenden Distanz zwischen Wissen und Moral und damit als Ursache des wachsenden Zynismus. Schuld daran sei vor allem das Mißtrauen, der hemmungslose Zweifel der Wissenschaften. [...] Sloterdijk geht an den Beweis, daß die 'rationalistischen' Wissenschaften 'Feinde' der Welt sind, mehr noch: sein müssen, weil sie nämlich eine 'transzendentalpolemische' Haltung zur Welt einnehmen, also in kantischer Diktion: die Feindschaft zu ihren Gegenständen ist für die Wissenschaft eine Voraussetzung ihrer Existenz. [...] Daß es 'kein Begriffszufall ist', wenn sowohl Wissenschaft als auch Geheimdienst von 'Erkenntnissen' sprechen, wissen wir jetzt."

Hier scheint auf, woher gewisse polemische Abwandlungen des Begriffes Geisteswissenschaft wie etwa "Einbildungs-" oder "Verbalwissenschaft" ganz zwanglos ihre Inspirationsquellen fanden. Passend hierzu bescheinigt Reinhard Merkel dem Buch "funkelnde, manchmal begeisternde Sprache", "impressionistische Bilderoffensiven", "feuilletonistische Artistik" und ein "Zauberspiel mit sprachlichen Mehrdeutigkeiten". All diese positiven Eigenschaften betreffen jedoch nur die sprachliche Ebene.

Die Inhalte der zweibändigen Sloterdijkschen Abhandlung belegt Merkel hingegen mit ganz anderen Attributen: "vornehme Unabhängigkeit im Umgang mit historischen Fakten", "schlechte Zeugen, falsche Zitate, echte Widersprüche", "Flugsand einer 'Logik'", "transzendentale Gedankenzöpfe", "geisterhaft entleerte Theoriebegriffe", "schillernde Begriffshülsen", "spukhaft entleerter Klangrausch", "semantische Umweltverschmutzung" und "Sätze von horizontaler Unsinnigkeit". Diese Bewertungskaskade braucht sich vor der Sloterdijkschen Formulierungskunst wahrlich nicht zu verstecken. So zeigt sich, dass nicht alles, was denkmöglich ist, auch Sinn ergibt, schwierige Verständlichkeit lediglich semantische Leere anzeigen kann und der Analogieschluss oft nur ein Fehlschluss ist. Eine mit Metaphernoverkill versehene, nebensatzreiche Sprache ersetzt keine Theoriebildung, die sich gegenüber Kritik bewähren kann.

Links

  1. Forumsdiskussion auf wissenbloggt
  2. Giordano-Bruno-Stiftung über religionsähnliche Systeme (Frage No 9)
  3. Brief von Schiller an Goethe: "In der Oper erläßt man wirklich jene servile Naturnachahmung, und obgleich nur unter dem Namen von Indulgenz, könnte sich auf diesem Wege das Ideale auf das Theater stehlen."
  4. Über Reinhard Merkel auf Wikipedia
  5. Reinhard Merkels (1983) Rezension über Peter Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft"
  6. Rezension über "Kritik der zynischen Vernunft" bei Amazon
  7. Axel Honneth (2009) über Peter Sloterdijk in der Zeit: "historische Ignoranz und theoretische Chuzpe"
  8. Richard Herzinger (2012) über Peter Sloterdijk in der Welt "mäandrierende Gedankenassoziationen"
  9. Rudolf Walther (2012) über Peter Sloterdijk in der TAZ: "neoliberalen Blasen"
  10. Dirk Pilz (2012) über Peter Sloterdijk in der Berliner Zeitung "Dieter Bohlen der Philosophie"